Prophete links – Prohete rechts, die Freiheit in der Mitten

 

Dinner Speech aus Anlass der XX. Gottfried von Haberler Konferenz, Vaduz, 28. Mai 2025

Durchlaucht, sehr verehrte Honoratioren, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde.

Es ist mir eine ganz besondere Freude, heute, aus Anlass der 20. Gottfried von Haberler Konferenz, zu Ihnen sprechen zu dürfen.

Hierher zu kommen ist immer eine Freude. Denn was will man schon mehr, als im schönen Liechtenstein freundschaftlich zusammenzukommen und bei hervorragendem Speis und Trank über den Wert von Freiheit, Frieden, Markt und Wettbewerb zu diskutieren?

Und so will ich heute auch versuchen, Ihnen ein paar Gedankenanstösse zu liefern für die sicher spannenden Diskussionen an unserer Konferenz. Nicht erwarten sollen Sie von mir als Ökonom jedoch eine akkurate Zukunftsprognose. Denn schon Friedrich A. von Hayek hielt in seiner Nobelpreisrede weitsichtig fest:

 

«Mir scheint, das dieses Versagen der Ökonomen, erfolgreichere Voraussagen für die Politik zu liefern, eng mit ihrer Neigung zusammenhängt, die Verfahren der glänzend erfolgreichen Physik so eng wie möglich nachahmen zu wollen – ein Versuch, der in unserem Bereich zu groben Fehlern führen kann.»

 

Deshalb also Diagnose, und keine Prognose. Johann Wolfgang von Goethe schrieb einst:

„Sich im Gleichgewicht zu halten, ist des Verständigen Gesetz. Und die Mitte ist das Maß, an das sich alle halten müssen.“

 

Das Mittelmass ist zwar auch für mich nicht das Mass aller Dinge. Dennoch hat mich dieses Zitat zu meiner Dinner Speech inspiriert, die ich unter das Motto setzen möchte:

Prophete links – Prophete rechts, die Freiheit in der Mitten

Liechtenstein ist keineswegs Mittelmass. Es ist ein herausragend erfolgreicher Kleinstaat mit dem Fürsten als Staatsoberhaupt. Ein Fürst, der in seinem wegweisenden Buch «Der Staat im 3. Jahrtausend» die öffentliche Hand als Dienstleistungsunternehmen am Bürger beschrieben hat. Ein Fürst, der für die Stärkung von Selbstverantwortung und Selbstbestimmung plädiert – so sehr, dass hier jede Gemeinde jederzeit das Recht hat, per Mehrheitsbeschluss aus dem Staat Liechtenstein auszutreten.

Kein Wunder, denkt hier niemand ernsthaft daran.

Freiheit, Unternehmergeist, Eigenverantwortung und Marktwirtschaft in einer vom Fürstenhaus durch alle geopolitischen Turbulenzen weitsichtig
mitgeprägten direkten Demokratie haben Liechtenstein einen beneidenswerten Wohlstand gebracht.

Bei aller berechtigten Kritik an zahlreichen Fehlentwicklungen ist auch für ganz Europa festzustellen: Noch nie waren praktisch überall die Lebenserwartung höher und der durchschnittliche Wohlstand grösser als heute, und noch nie ging es auch dem sogenannten Mittelstand besser. Das kommt nicht von ungefähr, sondern ist der Kraft des Marktes, von Wettbewerb und schöpferischer Zerstörung, von Unternehmertum, technologischem Fortschritt und internationaler Arbeitsteilung zu verdanken.

Europas Wohlstand ist nicht wegen, sondern trotz sozialistischen Tendenzen und Verzerrungen durch Protektionismus entstanden. Europa lebt in Wohlstand nicht trotz, sondern auch wegen der antizentralistischen Kraft von subsidiärem Föderalismus und direkter Demokratie. Und nicht zu vergessen sind die europäischen Staaten nicht trotz, sondern wegen dem Wettbewerb im integrierten Gemeinsamen Binnenmarkt wirtschaftlich stark – auch wenn die EU gerade diesen Wettbewerb stärker fördern sollte, statt sich in bürokratischem Zentralismus selbst zu lähmen.

Eigentlich müsste all das zu einem unbestrittenen Erfolgsrezept geworden sein.

Doch seltsamerweise ist das weniger der Fall denn je. Stattdessen reden Propheten zur Linken und zur Rechten den Leuten ein, sie seien zu kurz gekommen.

Im Osten Europas ist da Wladimir Putin. Dieser hat den Zusammenbruch der Sowjetunion als grösste geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Der KGB-Agent wird nicht müde, seinem Volk einzutrichtern, es müsse dem dekadenten liberalen Westen Widerstand leisten, um den ihm zustehenden Platz in der Weltgeschichte wiederzuerlangen. Putins sogenannt traditionelle russische Werte erhebt dieser zum Gegenmodell zu den explizit als neoliberale Dekadenz bezeichneten individualistischen westlichen Werten.

Die Aufgabe des russischen Bildungssystems sieht Putin darin, die russische Jugend von den verkommenen liberalen Werten fernzuhalten. Stattdessen sollen die Schüler lernen, für den Staat und die Obrigkeit zu sterben. In völliger Verkehrung der Begriffe behauptet Putin, mit seinem ruchlosen Krieg gegen die Ukraine gegen den europäischen Faschismus ins Feld zu ziehen. Putin ist zum neo-stalinistischen Schlächter von Hundertausenden geworden, sein Volk lebt wieder in geknechteter Unfreiheit und Russlands darniederliegende Kriegswirtschaft hat der langjährige Kremlherrscher zu einer korrumpierten, sozialistischen Rohstoff-Planwirtschaft gemacht. Er ist in Wahrheit ein zutiefst korrupter Prophet des autoritären linken Verderbens.

Im Westen von Europa zum rechten Propheten auserwählt sieht sich Donald Trump. Vor gut einem Jahr sah er sich genötigt, einen «Liberation Day», einen Tag der Befreiung auszurufen. In seiner Ansprache dazu verstieg sich der Präsident des reichsten grossen Landes und einstigen Leuchtturms der freien Welt zur Behauptung – ich zitiere – «seit Jahrzehnten wird unser Land von Nationen aus nah und fern, von Freunden wie Feinden gleichermassen, ausgeplündert, verwüstet, geschändet und ausgeraubt.(…) Ausländische Staatschefs haben uns unsere Arbeitsplätze gestohlen, ausländische Betrüger haben unsere Fabriken geplündert, und ausländische Aasfresser haben unseren einst so schönen amerikanischen Traum zerrissen.»

Absurde Zölle sollten die erlittene Unbill wiedergutmachen und die Vereinigten Staaten von Amerika in ein neues goldenes Zeitalter führen. Und während Amerika sich für seine 250-Jahr-Feier rüstet, scheint es manchmal, als bereite es sich vor allem auf einen Wettbewerb der illiberalsten Ideen vor. Trump regiert mit Notstandserlassen und es werden Deals geschlossen, die ganz offen den Partikularinteressen eines kleinen, mit Trump und seiner Familie eng verbundenen Zirkels dienen.

Kein Wunder, finden sich Putin und Trump offensichtlich sympathisch.

Prophete links, Prophete rechts, les extreme se touche. Beide untergraben sie das Fundament von Freiheit und Wohlstand.

Leider auch in manchen Ländern Europas.

In Frankreich regiert schuldenfinanzierter Populismus. In den letzten Parlamentswahlen haben der neue Front Populaire mit Jean-Luc Mélenchons La France Insoumise als dominanter Kraft auf der extremen Linken Seite und Marine Le Pens Rassemblement National auf der radikalen rechtsnationalen Seite zusammen 58 Prozent der Parlamentssitze gewonnen.

In Deutschland haben die rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD) zusammen mit der Partei «Die Linke» bei den letzten Parlamentswahlen zusammen 34 Prozent der Bundestagssitze erworben. Die AfD fordert Schutzzölle für die deutsche Wirtschaft, will strategische nationale Industrien fördern und tritt für einen ausgebauten Sozialstaat nur für Deutsche ein. Die Partei «Die Linke» will ganz offiziell den Kapitalismus abschaffen und bezeichnet die Marktwirtschaft als unsozial.

Selbst in der Schweiz prägt Unmut und Elitenkritik die politische Debatte. In zwei Wochen sind die Bürger aufgerufen, über die Volksinitiative «Gegen eine 10-Millionen Schweiz» abzustimmen. Diese bewirtschaftet offen Ressentiments gegenüber der Konkurrenz durch zugewanderte ausländische Arbeitskräfte und will den Bund dazu verpflichten, die Personenfreizügigkeit mit der EU abzuschaffen, sobald die Bevölkerung der Schweiz die Grenze von 9,5 Millionen Einwohner überschreitet. Die Initiative hat gute Chancen, angenommen zu werden.

Der Auftrieb, den antiliberale, autoritäre und antimarktwirtschaftliche linke und rechte Propheten in Europa und in der Welt verspüren, hat meiner Ansicht nach erstens mit einer gewissen Wohlstandsverwahrlosung zu tun. Der Wohlstand, den die Marktwirtschaft und freiheitliche Ordnung der Welt gebracht haben, werden für selbstverständlich erachtet.

Die zu beobachtende politische Polarisierung hat aber auch mit einer ordnungspolitischen Verwahrlosung der politischen Mitte zu tun. Das Predigen sogenannt woker Werte und die offensichtlichen Mühen, der illegalen Migration Herr zu werden und westliche Freiheitswerte durchzusetzen, hat das Vertrauen der Bevölkerung in die Politik und ihre demokratischen Institutionen vielenorts unterminiert. Das teilweise durchaus berechtigte Narrativ vom Versagen der herrschenden Eliten, die ihren bürokratischen Interessen frönen, statt sich der Probleme des gewöhnlichen Bürgers und Unternehmers anzunehmen, wird von antiliberalen Kräften aktiv befeuert.

Doch dem muss nicht so sein und darf in Zukunft nicht so sein, wenn Wohlstand, Freiheit und Frieden in Europa erhalten werden sollen.

Den gefährlichen Propheten zur extremen Linken und Rechten sollten die Rezepte der österreichischen Schule entgegengehalten werden.

Ich sehe sieben so einfache wie zentrale Erkenntnisse:

  1. Ohne individuelle Freiheit ist alles nichts. Ohne Freiheit gibt es langfristig keinen Fortschritt und kein Wachstum. Eigentum gesichert zu besitzen, es tauschen und seine Arbeit frei wählen zu können, macht Freiheit erst möglich, wie schon Ludwig von Mises betonte. Freiheit bedingt eine gewisse Chancengleichheit. Sie bedeutet aber gerade nicht Gleichheit im Ergebnis, sondern Absenz von staatlichem Zwang.
  2. Der im freien Wettbewerb gebildete Preis ist der beste Aggregator des dezentralen Wissens: Gesellschaftliche und wirtschaftliche Prozesse sind viel zu kompliziert, um zentral geplant und verwaltet zu werden. Der Preis ist der beste Mechanismus, um dezentrales Wissen zum Ausdruck zu bringen. Im marktwirtschaftlichen Wettbewerb bringt er am besten Angebot und Nach-frage zur Übereinstimmung. Er sollte deswegen frei gebildet werden können.
  3. Die Anmassung von Wissen führt in die Diktatur. Friedrich A. von Hayeks von den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs geprägtes Werk «Der Weg zur Knechtschaft» warnt eindrücklich, dass auch die gut gemeinte sozialistische Absicht, die Gesellschaft umzugestalten, direkt in die Herrschaft böswilliger Diktatoren führt. Weil der Plan aus freien Stücken nicht funktioniert, sind Intoleranz und brutale Repression die notwendige Konsequenz, die nur der böswillige Diktator freudig zu leisten bereit ist. Hayek schrieb: „Die völlige Missachtung des Lebens und des Glücks des Einzelnen sind wesentliche und unvermeidliche Folgen der Prämissen des kollektivistischen Planers.“ Wie Putin in Russland oder die Revolutionsgarden im Iran demonstrieren, gilt das bis heute unverändert.
  4. Der Markt ist ein dynamischer Prozess: Wohlstand entsteht durch Unternehmertum und Innovation. Sie müssen sich entfalten können und brauchen die schöpferische Zerstörung des andauernden Wettbewerbs. Strukturwandel ist deshalb nichts schlechtes und darf nicht staatlich behindert werden. Die neoklassische Idee des ewigen Gleichgewichts führt in die Irre, wir leben zum Glück in einem Prozess sich andauernd entwickelnder, dynamischer Ungleichgewichte.
  5. Handel fördert Wohlstand, Protektionismus zerstört ihn. Protektionismus ist die ewige Versuchung von mächtigen Gruppen, sich selbst auf Kosten der Allgemeinheit zu übervorteilen. Schon der Namensgeber dieser Konferenz, Gottfried von Haberler, zeigte auf, dass erst der Handel es ermöglicht, die Opportunitätskosten zu minimieren und sich auf das zu konzentrieren, was man relativ gesehen am besten kann.
  6. Zu tiefe Zinsen führen in die Krise. Der Zins ist nicht nur der Preis, der das Angebot von und die Nachfrage nach Kapital in Übereinstimmung bringen soll, er muss zuallererst die Präferenz des Konsumenten für gegenwärtigen Konsum zum Ausdruck bringen. Daraus ergibt sich die Konjunkturtheorie der österreichischen Schule, wie sie der Österreicher Eugen von Böhm-Bawerk formuliert hat: Halten die Zentralbanken den Zins künstlich zu tief, führt dies zu einem Boom, der zwangsweise in der Krise und Rezession endet.
  7. Der Etatismus ist das Problem: Je stärker sich die Idee verbreitet, die Lösung für alle Arten von Problemen beim Staat zu suchen, umso schwieriger haben es Leistung und Eigenverantwortung – und umso stärker wächst der Klientelismus. Je mehr Transferempfänger in einer Demokratie den Nettosteuerzahlern gegenüberstehen, umso gefährlicher wird es und umso etatistischer wird die Gesellschaft. Wegen den erwähnten Propheten zur extremen Linken und Rechten mag ich das Wort Kulturkampf gar nicht, aber es braucht sicher einen Mentalitätswandel weg von der Anspruchsgesellschaft und wieder stärker hin zur Leistungsgesellschaft.

Ich bin geneigt, diesen sieben zentralen Erkenntnissen der österreichischen Schule eine achte anzufügen: Nicht möglichst ausgeklügelte mathematische Modelle bestimmen die erklärende Kraft der Ökonomie, sondern die Rückbesinnung auf einige wenige fundamentale Prinzipien und ihre Anwendung im wirtschaftlichen und politischen Alltag. Es braucht wieder mehr Österreicher auf der Welt und weniger Modellakrobaten.

Es braucht mehr Ökonomen wie der Austrian in Spain Pedro Schwartz, der unermüdlich bis ins hohe Alter mit grosser Überzeugungskraft, Charme und ohne Verbissenheit die Vorteile liberaler Prinzipien und Lösungen einer breiteren Öffentlichkeit erklärt – und so die Welt zum Guten verändert.

Es braucht Ökonomen wie den Deutsch-Österreicher in Spanien und Argentinien Philipp Bagus, der den argentinischen Präsidenten Javier Milei und dessen eindrückliches wirtschaftspolitisches Team bei seinen Reformen unterstützt.

Es braucht unseren lieben Kurt Leube, den letzten Assistenten von Hayek, der mit unermüdlicher Energie, Überzeugungskraft und seinem lebensbejahenden Schalk für die Kraft liberaler Ideen eintritt.

Und es sind natürlich die European Center of Austrian Economics Foundation und ihre aktive Unterstützung durch das Fürstenhaus, die unser Zusammentreffen hier zum nun zwanzigsten Mal möglich machen.

Ich halte solche Zusammenkünfte, ich halte unseren Austausch für eminent wichtig. Wichtig, damit die Freiheit und ihre liberalen Werte nicht im giftigen Widerstreit der populistischen Propheten von links und rechts verloren gehen. Damit sich Liberale nicht bloss unter sich um die ultimative Wahrheit streiten, sondern mit ihren Rezepten in die Gesellschaft und Politik hinein wirken und diese wo nötig auch mit dem notwendigen Mass an Pragmatismus prägen.

Damit Europa seinen Binnenmarkt und damit sich stärkt und zurück zu mehr freiheitlicher Subsidiarität und Eigenverantwortung statt Bürokratie und Etatismus findet, bevor es zu einem so drastischen Niedergang kommt, wie in Argentinien vor Milei.

Ich finde, die liberale, die österreichische Schule der Ökonomie und Gesellschaft gehört in die Mitten. Sie sind mit das Mass, an das sich alle halten
sollten.

Es lebe die gegen alle Machtgelüste von Autokraten verteidigte Freiheit in Frieden und Wohlstand – dank den Austrian Economics und dank Ihnen allen – nicht nur im schönen Liechtenstein.

Ich danke Ihnen.

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Johns Hopkins Institute for Applied Economics, Global Health, and the Study of Business Enterprise | an interdivisional Institute between the Krieger School of Arts and Sciences, and the Whiting School of Engineering
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LUISS
New York University | Dept. of Economics (USA)
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Swiss Mises Institute
Universidad Francisco Marroquin
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