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Das Corona-Virus und die Blasenökonomie

Grosse Depression 1929.

von Olivier Kessler*

Die Chancen stehen gut, dass das aktuelle Börsendrama als «Corona-Crash» in die Geschichtsbücher eingehen wird. Mit dieser Fokussierung auf den Trigger würde jedoch etwas Wesentliches übersehen.

Rückblickend werden die vielschichtigen und undurchsichtigen Entwicklungen in der Geschichte oftmals auf einige wenige spezifische Ereignisse reduziert. Dies entspricht dem menschlichen Bedürfnis nach Komplexitätsreduktion und Einordnung: Man versucht den Wald trotz lauter Bäumen zu sehen. Manchmal jedoch birgt diese Simplifizierung die Gefahr voreiliger Schlüsse.

So wie der «Immobiliencrash» von 2008 vereinfachend den «gierigen Spekulanten» und die Eurokrise dem «überschuldeten Griechenland» angelastet wurden, droht nun das Corona-Virus zum Sündenbock für den aktuellen Börsenkrach zu mutieren.

Darauf deuten bereits Aussagen diverser Regierungen hin: Man tut so, als sei lediglich das Virus das Problem der Wirtschaft, während die über viele Jahre aufgebauten strukturellen Ungleichgewichte in Form von staatlich am Leben erhaltenen Zombie-Unternehmen und rekordhoher Verschuldung an allen Fronten ausgeblendet werden. Das wäre in etwa so, wie wenn man nur jenen für eine Explosion verantwortlich machen würde, der ein brennendes Zündholz fallen lässt, nachdem zuvor andere mutwillig und breitflächig Benzin ausgeschüttet haben.

Diese Interpretation würde einmal mehr den entscheidenden Komplizen unerkannt entwischen lassen: die Zentralbanken. Genauso wie die Spekulanten und die Probleme in Griechenland lediglich eine der vielen möglichen Nadeln waren, an denen frühere Blasen hätten platzen können, ist auch das Corona-Virus nur einer von vielen möglichen Katalysatoren, welcher den sich längst von realen Werten entkoppelten Märkten die Luft ablassen könnte – wie stark, muss sich in den kommenden Wochen und Monaten erst noch weisen.

Eine weltweite Pandemie diesen Ausmasses – erst noch in Kombination mit einem Ölpreisschock – hätte bestimmt auch unter geldpolitisch «normalen» Umständen eine Marktkorrektur zur Folge, jedoch dürften die Konsequenzen in der heutigen Blasenökonomie um ein Vielfaches gravierender sein.

Genauso wie der Corona-Virus vor allem für jene Patienten mit Vorerkrankungen wirklich gefährlich sein soll, so ist der Virus auch für jene Volkswirtschaften besonders bedrohlich, die seit einiger Zeit an geldpolitischem Grössenwahnsinn kränkeln – wo also das Sparen für schwierige Zeiten durch Tiefstzinsen bestraft sowie die Überschuldung und das Spekulieren mit Leverage belohnt wurde. Eine solche Geldpolitik hatte auch die historisch Grosse Depression 1929 verursacht, obwohl dies in diversen Lehrbüchern anders dargestellt wird.

Lektionen aus der Grossen Depression

In einer der profundesten Analysen dieser Periode – in America’s Great Depression – zeigte Murray Rothbard entgegen weitverbreiteter Klischees, dass die Grosse Depression von der expansiven Geldpolitik der US-Zentralbank verursacht wurde. Die Geldmenge wurde zwischen 1921 und 1929 um satte 62 Prozent ausgeweitet, was zwar keine Konsumentenpreis-Inflation, dafür aber eine Blase auf den Finanzmärkten schuf. Parallelen zu heute sind unübersehbar.

Die Federal Reserve (Fed) selbst gab zu, dass ihre Geldpolitik die Weltwirtschaftskrise verschuldete. Nobelpreisträger Milton Friedman vertrat in seiner umfangreichsten Studie zusammen mit Anna Schwartz die Ansicht, dass es ohne Fed auch keine Grosse Depression gegeben hätte. Unter dem früheren wettbewerblichen Geldsystem hätte die Clearingstelle der Privatbanken die Lage schnell entschärft.

Der ehemalige Fed-Chef Ben Bernanke stellte 2002 in einer Rede zur Ehrung Milton Friedmans anlässlich seines 90. Geburtstags fest, dass die Grosse Depression tatsächlich geldpolitische Ursachen hatte. Bernanke entschuldigte sich sogar im Namen der Zentralbank: «I would like to say to Milton and Anna: Regarding the Great Depression. You’re right, we did it. We’re very sorry. But thanks to you, we won’t do it again.»

Diese Versprechen waren jedoch heisse Luft. Nicht nur hatte die US-Zentralbank mit ihrer expansiven Geldpolitik zwischen 2002 und 2007 – als die Geldmenge M2 um 39% von 5,4 auf 7,5 Bio. USD erhöht wurde – die Immobilienblase herbeibeschworen, deren Platzen die Finanzkrise von 2008 einleitete.

Auch hat sie seither unbeirrt an ihrer problematischen ultraexpansiven Geldpolitik der Geldvermehrung und der Heruntermanipulierung der Zinsen festgehalten: Von 2008 bis 2019 hat sie die Geldmenge M2 sogar noch stärker, nämlich von 7,5 auf 15,2 Bio. USD im Jahr 2019 um 103% ausgeweitet. Der Dow Jones legte im selben Zeitraum um 128% zu (wohlgemerkt: gemessen von Anfang 2008, als die Märkte noch nicht dramatisch eingebrochen sind), wobei nicht eindeutig ist, welcher Anteil auf zusätzliche Wertschöpfung und welcher auf zusätzliche Geldschöpfung zurückzuführen ist.

Die Schweizerische Nationalbank übertrumpfte die Fed sogar noch: Sie vergrösserte ihre Zentralbankengeldmenge von rund 50 Mrd. CHF im Jahr 2008 auf 584 Mrd. CHF im Jahr 2019 um über 1000%. Die Notenbanken konnten sich damit zwar vordergründig als Feuerlöscher in den von ihnen verursachten Krisen in Szene setzen, gleichzeitig haben sie damit aber auch zuverlässig das Benzin für einen noch grösseren Flächenbrand ausgeschüttet, der irgendwann nicht mehr in den Griff zu kriegen sein wird.

Grosse geldpolitische Risiken

Die neusten Reaktionen der Zentralbanken lassen vermuten, dass man nicht gewillt ist, den bedrohlichen Trend umzukehren. So senkte etwa die Fed die Zinsen am Sonntagabend panisch auf 0% und kündigte an, die Märkte in den nächsten Tagen mit gigantischen 700 Milliarden neuen Dollars zu fluten. Doch die Marktakteure scheinen das Vertrauen verloren zu haben, denn ein weiterer dramatischer Kurseinsturz an den Börsen folgte unmittelbar.

Die Risiken einer solchen expansiven Geldpolitik dürfen angesichts der gleichzeitig schrumpfenden Produktion aufgrund der Unterbrüche in den weltweiten Wertschöpfungsketten nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Übereifrige Massnahmen der Zentralbanken könnten unter solchen Umständen rasch in eine Hyperinflation umschlagen – ein Horrorszenario, das um ein Vielfaches schlimmer wäre, als ein zugelassener konjunktureller Abschwung. Es wäre höchste Zeit für ein Umdenken und für eine geordnete Abkehr von der Blasenökonomie.

Erstveröffentlichung in “Finanz und Wirtschaft“, 18. März 2020


*Olivier Kessler ist Vizedirektor des Liberalen Instituts in Zürich, Schweiz. Das 1979 gegründete Liberale Institut verfolgt das Ziel der Erforschung freiheitlicher Ideen. Das Institut untersucht die Schweizer Tradition und Kultur von individueller Freiheit, Frieden, Offenheit und politischer Vielfalt und setzt sich für die Weiterentwicklung der liberalen Geistestradition ein.

Best Books on the Folly of Socialism

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What everyone should know about the practical and moral failures of the socialist project

compiled by Dr. Williamson M. Evers

Professor Heilbroner’s pronouncement of socialism’s death is greatly exaggerated. Socialism has risen from its own ashes perhaps more often than has any other political ideology on earth. Now, more than 30 years after Soviet premier Mikhail Gorbachev implemented reforms that helped burn the ideal of a planned economy to the ground, socialist doctrines are once again gaining in popularity, especially among young people.

Much has been written about socialism, yet too little has been read (too little serious writing, that is). This annotated list of recommended reading, compiled by Independent Institute Senior Fellow Dr. Williamson M. Evers, tries to remedy this deficiency by highlighting some of the most insightful critiques of socialism ever written. It’s not an exaggeration to say that anyone who carefully studies even a handful of these books will gain a stronger understanding of socialism than is possessed by the vast majority of socialists …

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Angst vor der eigenen Bevölkerung

Angesichts der Coronavirus-Epidemie wollen Partei und Staat Macht zeigen

Essay von Henrique Schneider – erschienen in “eigentümlich frei” (25. Februar 2020)

Partei- und Staatsführung in China: Koloss auf tönernen Füßen. Quelle: Chris Redan / Shutterstock.com

Die Kommunistische Partei Chinas und der chinesische Staat geben sich selbstbewusst. Unter allen Umständen möchten sie es der Welt, aber auch der eigenen Bevölkerung zeigen: Alles im Griff. Der Schlüssel, um diesen Anspruch zu verstehen, ist die Angst, die Partei und Staat vor der eigenen Bevölkerung haben.

Keine Frage: Das heutige China baut auf zentraler Lenkung und Überwachung auf. Präsident Xi setzt seine Vorgaben zentralistisch durch. Wer nicht folgt, verliert den Posten. Wer den Partei- oder Staatsapparat zum eigenen Nutzen einsetzt, wird bestraft, nicht selten mit dem Tod. Vorbei sind die Zeiten, in denen Apparatschiks und Mandarine erster Klasse fliegen oder Fünf-Sterne-Hotels frequentieren konnten. Die Rolex-Uhren dürfen auch nicht mehr gezeigt werden. Die Kommunisten und ihre Beamten müssen halt kommunistisch sein.

Auch die Bevölkerung erfährt Zentralisierung und Unterordnung im Alltag. In einigen Städten werden alle 100 Meter Überwachungskameras angebracht. Das Internet mutiert mehr und mehr zur Kontrollinstanz. Mobile Kommunikationstechnik dient dem „social scoring“. Ausreisepapiere erhält nicht mehr jeder. Und ja: Städte werden in Quarantäne gesetzt, Unternehmen zur Produktionseinstellung gezwungen, Arbeitern das Zuhausebleiben befohlen – unbezahlt.

Corona und Macht

Gerade angesichts der Coronavirus-Epidemie wollen Partei und Staat Macht zeigen. Die Aktionen der zentralen Gewalt waren eindeutig und ließen nicht lange auf sich warten. In einem Land, in dem jedes Jahr mehrere Hunderttausend Personen wegen Grippe sterben, werden ganze Provinzen wegen weniger als 5.000 Corona-Toten eingezäunt und von der Außenwelt abgeschnitten. So sind die Machtverhältnisse im Reich der Mitte …

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Angst vor der eigenen Bevölkerung

Vernon Smith Prize 2019 – The Winners

vernon smith prize 2019 winners
Vernon Smith Prize 2019:  Winner photo. Source: Liechtensteiner Volksblatt

The winner of the 12th International Vernon Smith Prize are:

1. Prize: Kristoffer Mousten Hansen (DK)

Institutionalized Tyranny: the Scourge of our times


2. Prize: Amos Zweig (CH)

On Tyranny and Liberty


3. Prize: Sam Crocker (CA)

Democracy and Freedom: The Dangers of Conflation


The prizes have been awarded on the basis of originality, grasp of subject, and the logical consistence of the argument. An international jury did judge the essays and the winners were invited to present their papers at a special event in Vaduz, the Principality of Liechtenstein on Monday, February 10, 2020.

The 2019 topic was: ‘When the People fear their Government, there is Tyranny. When the Government fears the People, there is Liberty.’

A democratic government derives its authority from the consent of the governed and is loosely defined as a set of institutions through which we adjudicate our disputes, defend our rights and protect honestly acquired property. Under the rule of liberty the government is assigned the duty of impartial umpire, and each individual gives reason, intent and moral scope to his own life. As long as a person does not violate the rights of others he is sovereign over his own affairs.

Tyranny on the contrary, is characterized as a government that is an active player in people’s affairs. From a dictatorship to the benevolent welfare state all shapes of despotism wield their political authority and legitimized power of coercion to assure certain outcomes or forms of behavior considered desirable to determine how the members of the society may live, work, and associate with each other. Thus, the challenge in a democratic society is to keep government constrained and limited so that individuals can prosper and solve problems as free, independent and responsible citizens. However, it is the character rather than the volume of government activity that is important and ought to be specified in a constitution.

The prize money given to winners:

1st Prize: €4,000  |  2nd Prize: €3,000  |  3rd Prize: €2,000


The International Vernon Smith Prize for the advancement of Austrian Economics is an annual essay competition sponsored and organized by ECAEF – European Center of Austrian Economics Foundation, Vaduz (Principality of Liechtenstein).

Die Herrschaftsordnung Ihres Vertrauens

Stärken und Schwächen von Nationalstaaten gegenüber einem supranationalen Staatenbund.

Beitrag von Ekkart Zimmermann*, erschienen im Schweizer Monat Nr. 1027, Ausgabe Dezember 2019

Derr Schweizer Philosoph und Aufklärer Johann Georg Zim­mermann meinte im 18. Jahrhundert sinngemäss, so wie der Esel seinen Stall habe, so gehe es dem Bürger mit der Nation. Nun
sind beide, Esel und Zimmermann, kluge Wesen. Doch wohin führt uns diese Klugheit?

Im 19. Jahrhundert war der nationalstaatliche Rahmen zu gross ausgelegt für die bestehenden Gemeinschaften, er musste erst aus­ gefüllt werden. Mit den Worten von Eugen Weber: “Bauern mussten erst zu Franzosen werden, durch eine national orientierte Erzie­hung ebenso wie durch Strassen­ und Eisenbahnbau”. Der Staat war der proaktive, der nach vorn gerichtete Rahmen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam der Nationalstaat vor allem in den letzten 50 Jahren unter Druck: durch multinationale Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen, durch internationale Bündnisse und überstaatliche Vereinigungen sowie durch den Abbau von Hemmnissen für Handel, Ideen­ und Personenverkehr. Der Natio­nalstaat hat Wettbewerber erhalten und erwies bzw. erweist sich als relativ schwach. Er wirkt nun für viele nicht mehr vorwärts­, sondern rückwärtsgewandt und ist in die Defensive geraten.

Von Heimatgefühl, der engen regionalen Bindung an Familie, Landschaft und vertraute Kultur, über Nationalbewusstsein, also das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer grösseren kulturellen und sprachlichen Gemeinschaft, bis zum Nationalstaat, also der Idee, dass kulturelle Gemeinsamkeiten und historisches Schicksal ei­ner breiten Bevölkerungsgruppe sich in einem Staat mit eigenen Institutionen, eigener Identität und Werten finden sollten, exis­tiert ein breites Kontinuum. Der Staat, auch der Nationalstaat, ist durch die Dreiheit von Territorium, Grenzen und institutionali­sierter Staatsgewalt gekennzeichnet. Minderheiten werden in ei­nem solchen Nationalstaat von der Mehrheit höchstens geduldet, sind aber selten gleichberechtigt. Staatsgebilde, Territorium und kulturell und sprachlich relativ einheitliche Bevölkerung sollen möglichst eine Einheit bilden. Häufig sind in den Nachbarländern aber Landsleute anzutreffen. Im 19. und 20. Jahrhundert war da­bei oft von Irredenta, unerlösten Gebieten, die Rede, die notfalls mit Gewalt einverleibt werden sollten …

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Die Herrschaftsordnung Ihres Vertrauens (PDF)


*Ekkart Zimmermann ist emeritierter Professor für Makrosoziologie an der Technischen Universität Dresden. Von 2011 bis 2016 war er Gastprofessor an der ETH Zürich.