Ein großer liberaler Philosoph: Anthony de Jasay (1925–2019): Teil 1 von 2

Liberalismus und liberale Demokratie

Wenn vom Liberalismus die Rede ist, herrscht eine so heillose Konfusion, daß es kaum noch möglich ist, diesen Begriff sinnvoll zu verwenden. Heute wird darunter ziemlich alles und sein Gegenteil verstanden, vor allem versteht man darunter sein Gegenteil, nämlich das Regime der sogenannten „liberalen Demokratie“.

Diese sogenannte „liberale Demokratie“, auf die sich die Regierenden berufen, hat in Wirklichkeit genau so wenig mit dem klassischen Liberalismus gemeinsam wie die sozialistische „Volksdemokratie“ .

Der große ungarische liberale Theoretiker Anthony de Jasay, den ich Ihnen heute vorstellen möchte, hat ausdrücklich davor gewarnt, eine Regierung als liberal zu bezeichnen, denn das sei etwa so, als würde man jemanden als „guten Christen” bezeichnen, obwohl er absolut nicht religiös ist, sich nicht an die Gebote hält und schon gar nicht in die Kirche geht.

Um die heute herrschende Konfusion besser zu verstehen, empfiehlt sich ein Rückblick auf die Debatten, die nach dem Ende des Kalten Krieges stattfanden.

Die älteren unter den Zuhörern erinnern sich vielleicht noch an die heftigen Reaktionen auf das Buch des Jahres 1992 und an seinen Autor, den amerikanischen Politikwissenschaftler Francis Fukuyama. Das Buch hieß „Das Ende der Geschichte“; nur wenige hatten es damals gelesen, aber schon der Titel reichte, um den Autor dem öffentlichen Gespött auszusetzen.

Kaum ein parlamentarischer Hinterbänkler, kaum ein Provinzintellektueller, kaum ein noch so unbedarfter Kommentator verpasste die Gelegenheit, sich über die These vom Ende der Geschichte lustig zu machen. Angesichts der damals einsetzenden gewaltigen Beschleunigung politischer und ökonomischer Veränderungen war das nicht schwer.

Da war ein kommunistisches Regime nach dem anderen abgetreten, da hatte sich Deutschland wiedervereinigt, da war die Sowjetunion zerfallen, und der Mann behauptete, daß die Geschichte an ihrem Ende angelangt wäre?!

Allerdings wurde Fukuyama gründlich missverstanden. Er behauptete nämlich nicht, dass es keine Kriege mehr geben werde, oder daß alle politischen Kämpfe enden würden.

Stattdessen behauptete er, daß sich ein „globaler Konsens” über die sogenannte liberale Demokratie abzeichne. Er hielt die liberale Demokratie für die einzig mögliche, tragfähige und legitime Regierungsform, das einzige Regime, das imstande wäre, die politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Herausforderungen der kommenden Jahrhunderte zu bewältigen.

Diese Idee, die ein politisches, wirtschaftliches und kulturelles Modell gewissermaßen sakralisierte, setzte sich nach dem Sturz der kommunistischen Regime in Osteuropa und dem Zerfall der Sowjetunion in den neunziger Jahren sukzessive durch; in der EU und im Amerika der Präsidenten Bush, Clinton, Obama und Biden wurde sie zur Leitlinie politischen Handelns.

Erst seit Trump, Orbán und dem Aufstieg der souveränistischen Parteien in Ländern wie Italien, Deutschland und Frankreich stößt sie auf wachsenden Widerstand. Eifrig unterstützt und verteidigt wird sie bis heute hingegen von den Parteien und Medien der Linken und der linken Mitte, vor allem von denen, die sich einst über Fukuyama lustig gemacht hatten.

Kurz gesagt, ist die sogenannte „liberale Demokratie“ erstens nicht liberal, weil sie die Freiheit der Bürger mißachtet, und zweitens ist sie nicht demokratisch, weil sie Wahlergebnisse nur dann akzeptiert, wenn sie die liberal-demokratischen Erwartungen bestätigen.

Aber wehe dem, der sich dem Diktat der „liberalen Demokratie“ widersetzt und auf ihre totalitären Tendenzen hinweist. Diese „unsere Demokratie“ reicht ja weit über den Bereich der eigentlichen Regierungstätigkeit hinaus. Sie ist ein Machtkartell, das die Bürokratie, die nationale und supranationale Justiz, die Universitäten und die großen Unternehmen einschließt, und das von den Medien, nicht nur den öffentlich-rechtlichen, als ein Regime gepriesen wird, zu dem es keine Alternative gibt.

Erinnern Sie sich an den Lieblingssatz von Angela Merkel: „Es gibt keine Alternative“? Genau das hat auch Fukuyama behauptet, er hat es nur vornehm akademisch formuliert.


Verfassung und Meinungskorridor

In der Präambel zum deutschen Grundgesetz ist vom deutschen Volk die Rede. Daß darunter eine historisch gewachsene, ethnisch und kulturell definierte Nation zu verstehen ist, stand lange außer Frage. Erst nach der deutschen Wiedervereinigung wurde der von Dolf Sternberger in den 60er Jahren geprägte und von Jürgen Habermas übernommene sogenannte „Verfassungspatriotismus“ zur Staatsdoktrin der Berliner Republik.

Wer heute vom deutschen Volk spricht, gilt bereits als völkischer Rechtsextremist und muss darauf gefasst sein, daß ihn Polizisten frühmorgens aus dem Schlaf reißen und seinen Computer beschlagnahmen, weil ihn eine mit Steuergeldern finanzierte NGO denunziert hat. Es gibt genug willfährige Staatsanwälte und Richter, die dem verfassungspatriotischen Dissidenten die Grenzen des „liberal-demokratischen“ Meinungskorridors aufzeigen.

Zwar hat nach Artikel 4 des Grundgesetzes jeder das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten, aber in der Verfassungswirklichkeit gilt das eben nur für Meinungen innerhalb des Rahmens der „liberalen Demokratie“. Wer sich nicht an diesen Rahmen hält, ist gleich schon ein „Verfassungsfeind“. Die Verfassung ist biegsam, und wenn sie nicht biegsam genug ist, kann man sie auch brechen.

Anthony de Jasay hat die Verfassung einmal mit einem Keuschheitsgürtel verglichen. Zu jedem Keuschheitsgürtel, sagte er, gibt es einen Schlüssel, der am Bettpfosten hängt, und sollte er einmal nicht greifbar sein, etwa weil ihn der Kreuzritter-Gatte nach Palästina mitgenommen hat, ist immer ein Schmied zur Stelle, um der Natur ihren Lauf zu lassen. In unserem Gleichnis ist die Verfassung der Keuschheitsgürtel und der Schlüssel ist die Notverordnung. Zwar ist der Staat durch die Verfassung gebunden, aber da er gleichzeitig das Monopol auf Gesetzesdurchsetzung hat, kann er sich jederzeit losbinden.


Leben und geistige Tradition

In der klassischen Tradition – von David Hume und Adam Smith über Wilhelm von Humboldt und Alexis de Tocqueville bis zu Ludwig von Mises und Friedrich von Hayek – herrschte Übereinstimmung darüber, daß es im Liberalismus vor allem um Freiheit geht, und daß mit dieser Freiheit nichts anderes gemeint ist als die Freiheit des Individuums. Aus klassisch liberaler Sicht ist der Bürger frei in seinen Entscheidungen, es steht ihm frei, mit anderen zum gegenseitigen Vorteil und ohne äußere Einmischung Verträge zu schließen.

Anthony de Jasay stand in dieser Tradition, was ihn jedoch nicht daran hinderte, ihre Fehlentwicklungen zu kritisieren.

Er wurde 1925 in Ungarn geboren und starb 2019 im Alter von 94 Jahren in Frankreich. Sein eigentlicher Name war Jászay Antall, er änderte ihn nach seiner Emigration in den Westen in Anthony de Jasay, das „de“ darin bezeichnet seine adelige Herkunft.

Die Jászays waren Landbesitzer, die im Habsburgerreich dem Kaiser und dem König als Kavallerieoffiziere dienten. Der letzte in dieser Reihe war sein Vater gewesen. Nach dem Ersten Weltkrieg beschlagnahmte der neue tschechoslowakische Staat das Erbe seiner Mutter in der Slowakei, nach dem Zweiten Weltkrieg verstaatlichten die Kommunisten den Besitz seines Vaters in Ungarn und in der Karpatenukraine.

„Meine Familie wurde im Laufe der Geschichte immer ärmer, und ich hatte auch kein Glück”, sagte er mir einmal. In Ungarn hatte er Agrarwissenschaft studiert, um sich auf die Leitung eines ländlichen Unternehmens vorzubereiten. Vergeblich. Er war, wie er in einem Interview sagte, an einem Punkt angelangt, an dem er buchstäblich Angst hatte, zu verhungern. Er habe ohne große Hoffnung Arbeit gesucht, irgendeine Arbeit. Der Mann, der die Macht gehabt hätte, sie ihm zu geben, war ein Kommunist, „ein gut genährter muskulöser Mann in einem wunderschön geschnittenen Anzug und einem Seidenhemd“ wie er sich erinnerte. „Und da stand ich zitternd vor ihm, ein dünner, elender Mensch. Nach einem kurzen Gespräch sagte er zu mir: Du und deine Sorte werdet in diesem Land niemals einen Job bekommen.“ Das selbstgefällige Grinsen des kommunistischen Funktionärs, diese Grimasse des Staates, hat Anthony de Jasay nie vergessen.

1948, gerade noch rechtzeitig vor der Errichtung des Eisernen Vorhangs, flüchtete er nach Österreich, von wo aus er den antikommunistischen Widerstand in Ungarn unterstützte. Nach zwei Jahren zog er weiter nach Perth in Australien, um Nationalökonomie zu studieren. Danach unterrichtete er als Fellow am renommierten, sozialwissenschaftlich orientierten Nuffield College in Oxford.

Sein Interesse galt der Risiko-Theorie, einem Teilgebiet der Wirtschaftswissenschaften und der Mathematik. In Oxford war er damals allerdings falsch am Platz, denn dort dominierte der Keynesianismus, und mit dem wollte er nichts zu tun haben. Überhaupt hielt Anthony de Jasay nicht allzuviel von der Wirtschaftswissenschaft. Die Ökonomie, sagte er einmal, lehre zwar das Denken, aber ihre Ergebnisse seien ziemlich mager. Er habe ihre Probleme ebenso wenig lösen können wie seine illustren Kollegen, aber immerhin habe er einige wissenschaftliche Artikel in renommierten Zeitschriften veröffentlicht, die seine akademische Existenz rechtfertigten.

1962 reicht es ihm. Er unterbrach seine wissenschaftliche Karriere und ging nach Paris, wo er als Finanzdienstleister in sehr kurzer Zeit außerordentlich erfolgreich war. Was er als Vermittler von Fusionen für europäische und amerikanische Banken verdiente, gab er als echter ungarischer Adeliger mit vollen Händen aus, wodurch sein beträchtliches Vermögen fast so schnell wieder versiegte, wie es ihm zugeflossen war. Was übrig blieb, reichte ihm, um sich mit seiner französischen Frau Isabelle in ein Haus in Paluel in der Normandie zurückzuziehen und als Privatgelehrter ein bescheidenes Leben zu führen. Weit entfernt von den Zentren der Macht, widmete er sich in Paluel – wie einst Niccolò Machiavelli nach seiner Flucht aus Florenz nach Sant’Andrea – der Analyse des Wesens dieser Macht. Seinen Unterhalt bestritt er mit seinen Büchern. Seine Essays sind in mehreren Bänden erschienen. Herausgegeben hat sie der deutsche Philosoph und Wirtschaftswissenschaftler Hartmut Kliemt, ein hervorragender Kenner seines Werkes. Auch das ECAEF (European Center for Austrian Economics Foundation) in Liechtenstein fungierte als Herausgeber deutscher Übersetzungen. Bei den vom ECAEF organisierten International Gottfried von Haberler Konferenzen war er bis 2017 einer der wichtigsten Redner. 2015 wurde er in Vaduz mit dem ECAEF „Prize for Thinkers for the Third Millennium“ geehrt.

In späteren Jahren verlor de Jasay durch einen schwerwiegenden ärztlichen Behandlungsfehler sein Augenlicht. Er prozessierte erfolglos gegen den Arzt. Als schwer Behinderter war er auf Hilfe angewiesen, arbeitete aber gleichwohl weiter. Im Radio verfolgte er die Nachrichten und Isabelle las ihm aus Büchern und Zeitschriften vor; ohne ihre andauernde liebevolle Hilfe hätte er sein Lebenswerk nicht fortsetzen können: Ihr diktierte er seine Texte, sie schrieb seine E-Mails, sie signierte seine Bücher und in seinen letzten Tagen, als er am Telefon kaum noch verständlich sprechen konnte, saß sie bei ihm, las von seinen Lippen ab, übersetzte und antwortete für ihn. Solange de Jasay konnte, hielt er Vorträge, zu denen er mehrmals nach Wien, Zürich und St. Gallen eingeladen wurde. Oft begleitete ihn seine Frau, manchmal reiste er aber trotz seiner schweren Behinderung mit dem Zug allein und ließ sich von Freunden am Bahnhof abholen.

Es war ein Vergnügen, ihm zuzuhören, wenn er seine Gedanken aus dem Gedächtnis Schritt für Schritt entwickelte und druckreif formulierte. Wie vielen mitteleuropäischen Intellektuellen, die die Schrecken des Totalitarismus von Hitler und Stalin überlebt haben, pflegte er eine ironische Distanz zum Zeitgeschehen, mit der er seinen tiefen Pessimismus kaschierte.

In Wien gingen wir nach seinen Vorträgen in ein ungarisches Restaurant, wo er sich Hortobágyi Palatschinken bestellte. Einmal reisten wir gemeinsam nach Bratislava, die slowakische Hauptstadt, die in der Habsburgermonarchie auf ungarisch Pozsony, auf deutsch Pressburg hieß. Lange Zeit war Pozsony die Krönungsstadt des ungarischen Königreichs. Elf Könige und acht Königinnen aus dem Hause Habsburg legten hier ihren Eid auf die ungarische Verfassung ab. Anthony de Jasay war ein ungarischer Patriot, und er hielt die habsburgische Doppelmonarchie in Ehren, wie das übrigens auch Ludwig von Mises, Friedrich August von Hayek und viele andere mitteleuropäische Intellektuelle taten, die vor dem braunen und dem roten Totalitarismus flüchten mussten. Anders als in den Nachfolgestaaten wurden die Rechte der Bürger und ihr privates Eigentum in Österreich-Ungarn nämlich respektiert.

Anthony de Jasay gehörte keiner intellektuellen Schule an. Er war ein origineller Denker, der radikalste unter den radikalen Individualisten, ein großer Einzelgänger unter den politischen Philosophen des 20. Jahrhunderts. Im Folgenden will ich versuchen, Ihnen sein Denken nahezubringen. Im ersten Teil geht es um seine Analyse des Staates, im zweiten um seine Kritik am Liberalismus und seine Theorie der „geordneten Anarchie“, im dritten um seine politischen Kommentare zum Zeitgeschehen.


Der Staat

  1. Beginnen wir also mit dem Staat. Was ist der Staat eigentlich?

Es waren seine eigenen Erfahrungen im kommunistischen Ungarn und die Ereignisse in Polen in den frühen 80er Jahren, die Anthony de Jasay motivierten, sein erstes Buch zu schreiben. Er war zu der Erkenntnis gelangt, dass sich demokratische und kommunistische Regime nicht kategorisch, sondern nur graduell voneinander unterscheiden. Immer und ausnahmslos gilt: Je mehr Staat, desto weniger Freiheit. Ohne die rettenden Inseln des Privaten ist das Individuum der Macht des Staates ausgeliefert, und zwar unabhängig davon, ob diese Macht demokratisch zustande gekommen ist oder mit Gewalt.

„Welche Ziele der Staat auch immer haben mag“, sagte er, „sie mögen moralisch vorbildlich sein oder nicht, sie mögen den Bürgern zu Gute kommen oder nicht – der Staat kann sie vollständiger umsetzen, wenn er mehr Macht hat statt weniger.“ Der Staat wächst unaufhaltsam mit dem Umfang seiner Funktionen, und je mehr er wächst, desto mehr schrumpft der Raum der Freiheit.

De Jasay behauptete zwar nicht, dass alle demokratischen Staaten früher oder später im Totalitarismus enden müssten, aber er war der Meinung, dass eine angeborene totalitäre Ausrichtung zu ihrer Rationalität gehöre. Durch die unaufhaltsame Ausdehnung der kollektiven Sphäre auf Kosten der Privatsphäre strebe der Staat danach, zu einem totalitären Herrscher-Staat zu werden.

Um seine Ziele zu erreichen, ist er auf die Zustimmung der Mehrheit gegen den Willen der Minderheit angewiesen, und er nimmt sie in Anspruch, solange er sie braucht. Auf demokratischem Weg getroffene Entscheidungen tendieren nicht weniger dazu, die Optionen der Individuen einzuschränken und die Macht des Staates auszudehnen, als die Willkür eines Diktators.

Neu an seinem Ansatz war, daß de Jasay den Staat nicht als ein Instrument in den Händen von Klassen oder Parteien behandelte, sondern als einen autonomen Akteur mit einem eigenen Willen und eigenen Zielen, nämlich der Machtmaximierung und der Selbsterhaltung. Er sah im Staat eine monolithische, rationale Entscheidungseinheit, die sich unentwegt auf Kosten der Freiheit der Bürger ausdehnt. Dadurch unterscheidet sich sein Ansatz nicht nur von der marxistischen Auffassung des Staates als Instrument der Klassenherrschaft, sondern auch von allen anderen bisherigen Erklärungen des Staates.

Für Thomas Hobbes wahrte der Staat den Frieden, für John Locke garantiert er das Naturrecht auf Freiheit und Eigentum, für Jean-Jacques Rousseau realisiert er den allgemeinen Willen, Jeremy Bentham und John Stuart Mill hielten ihn für ein Mittel, um die gesellschaftlichen Verhältnisse verbessern zu können. Spätere liberale Denker erklärten sich den Staat aus dem Unvermögen privater Interessenten, spontan und ohne übergeordnete Instanz zu kooperieren; ihrer Ansicht nach ist der Staat nötig, um öffentliche Güter wie zum Beispiel Sicherheit, Ordnung und Bildung zur Verfügung zu stellen.

De Jasay hingegen erkannte im Staat die „wahre Natur der politischen Macht“, eine Macht, die selbst „den Weg diktiert, wie sich Regierungsformen entwickeln, statt sie sich von ihnen diktieren zu lassen.“ Eine gelungene Staatstheorie könne sich nicht auf die Annahme stützen, dass der Staat irgendeinem anderen Interesse dienlich sei als dem eigenen. Sie müsse die Rolle des Staates in der politischen Theorie im Sinne der Interessen des Staates selbst erklären, die mit privaten Interessen interagieren, konkurrieren und in Konflikt geraten.

De Jasay wandte sich gegen die auf Thomas Hobbes zurückgehende Auffassung, der Staat verhindere lediglich, daß die Menschen übereinander herfallen, er wache über die Einhaltung der Regeln und setze damit den inneren Frieden durch. Wenn der Staat aber selbst ein autonomer Akteur ist, wenn er über eigene Interessen verfügt und mit einem eigenen Willen ausgestattet ist, dann ist er nicht neutral, sondern immer selbst Partei. Daher ist er auch nicht imstande, den sogenannten Volkswillen – Rousseaus berühmten „volonté general“– durchzusetzen. In jeder Gesellschaft, sagte de Jasay, in der es eine Vielfalt an widersprüchlichen Interessen gibt, kann der Staat keine anderen Interessen verfolgen als seine eigenen.

Es ist ein ernüchternder, zutiefst pessimistischer Befund bezüglich der Möglichkeiten politischen Handelns. Eines seiner Bücher nannte Anthony de Jasay deshalb auch „Against Politics“. Wer auch immer durch Wahlen oder durch Gewalt an die Spitze des Staates gelangt, argumentierte er, es ändere sich nichts am Umfang der Staatstätigkeit, es würden nur die Staatsausgaben umgeschichtet. Die liberale Hoffnung, den Staat begrenzen zu können, hielt er für eine Illusion.


Empirische Bestätigung und politische Realität

Dafür gibt es eine Fülle von empirischen Belegen. Ronald Reagan zum Beispiel, der beste amerikanische Präsident der letzten hundert Jahre, hat zwar die Steuern gesenkt und wachstumsbremsende Regeln beseitigten, aber auch unter seiner Führung ist der Staat nicht geschrumpft, sondern hat sich weiter ausgedehnt. Reagan gab den US-Haushalt für militärische Zwecke frei und investierte fast ohne Rücksicht auf die Kosten in die Luftwaffe, in die Marine und in die nukleare Aufrüstung.

Für Amerika und die freie Welt hat sich das gelohnt. Im Wettlauf mit den amerikanischen fielen die sowjetischen Rüstungsgüter zurück, weil die sowjetische Industrie viel zu schwach war, um mit den militärischen Anforderungen auch die Mindestbedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen. Die sowjetische Führung versuchte, die Lage durch Perestroika und Glasnost zu regeln, aber das einzige Ergebnis war weniger Disziplin, mehr Unordnung und die Zerrüttung der sowjetischen Wirtschaft.

Am Ende des 20. Jahrhunderts haben die USA den Kalten Krieg gewonnen und der amerikanische Staat war stärker als je zuvor. Zu Reagans Zeiten belief sich die öffentliche Verschuldung der USA allerdings erst auf 25 Prozent des BIP. Jetzt beträgt sie 125 Prozent, und sie wächst immer weiter. Wenn es um das Wachstum des Staates geht, kommt es nicht darauf an, welcher Partei der gerade regierende Präsident angehört.


„The State“ und die Rezeption

1985 publizierte de Jasay in Oxford sein erstes Buch unter dem schlichten Titel “The State“. Es wurde seither in mehrere Sprachen übersetzt und mehrmals neu aufgelegt. Auf deutsch erschien es 2018 in einer exzellenten Übersetzung von Hardy Bouillon bei Duncker&Humblot als zweiter Band der Hayek-Schriftenreihe zum Klassischen Liberalismus.

James Buchanan, der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften des Jahres 1986, war der erste, der die Bedeutung dieses Buchs erkannte. Buchanan und seine Kollege Gordon Tullock hatten mit ihrer Studie „The Calculus of consent: Logical Foundations of Constitutional Democracy“ den Grundstein gelegt für die Public Choice Theorie, die die Sozialwissenschaften durch die Anwendung ökonomischer Methoden auf die öffentliche Sphäre revolutionierte.

Die Public Choice Theorie geht davon aus, daß politische Akteure ebenso ihre eigenen Interessen verfolgen wie Marktteilnehmer, und dass kollektive Entscheidungen die Summe individueller Entscheidungen sind. Aufgrund zahlreicher Ähnlichkeiten zwischen Public Choice und de Jasays Theorie lud Buchanan den damals in der Fachwelt völlig unbekannten Autor zu einem Vortrag nach Virginia ein.

In „The State“, schrieb Buchanan in einer Rezension, habe de Jasay eine „umfassende dynamische Theorie des Staates“ vorgelegt. Er habe eine „grundlegende Analyse“ erarbeitet, die von der Nationalökonomie und der politischen Philosophie geprägt ist, „ein tiefes Geschichtsbewusstsein vermittelt“ und eine „vernichtende Kritik an den Absurditäten der modernen Wohlfahrtsökonomie“ enthält.

Buchanan teilte de Jasays Ansicht, dass es „eine monumentale Torheit“ wäre, das Eigeninteresse des Staates und seiner Agenten zu ignorieren. Er hob hervor, dass die allenthalben feststellbare Zunahme politischer Interventionen de Jasays Analyse bestätigt. Anders als de Jasay glaubte Buchanan jedoch daran, daß sich der Umfang der Staatstätigkeit konstitutionell beschränken ließe.

De Jasay hielt das, wie gesagt, für eine Illusion. Die Differenzen zwischen den beiden großen liberalen Denkern, die einander schätzten, erklären sich nicht zuletzt aus ihren unterschiedlichen historischen und kulturellen Prägungen. Buchanans uramerikanischer Optimismus rebellierte gegen den Pessimismus des ungarischen Emigranten, in dessen Werk sich die historische Katastrophe des 20. Jahrhunderts abbildet.

„Die Ergebnisse, die ein bestimmtes politisches System hervorbringt“, schrieb De Jasay, diese Ergebnisse „hängen nicht nur vom System selbst ab, sondern auch von der Art der Menschen und der historischen Konjunktur, auf die es angewendet wird“. Für die Demokratie spreche, daß sie zwar keineswegs die beste Kombination aus Gutem und Schlechtem sei, aber immerhin das einzige System, dessen schlechtestes Ergebnis besser sei als das schlechteste Ergebnis jedes anderen Systems.

Der vorliegende Text bildet den ersten Teil der vorliegenden Studie.

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