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Big Data und die linken Träume der Planwirtschaft

Kommentar von Hubert Milz
zu einem NZZ-Artikel vom 14. August 2019

Vor einigen Tagen erschien in der Neuen Zürcher Zeitung der Artikel Macht uns der Computer zu Kommunisten? – Big Data lässt den linken Traum der Planwirtschaft wiederaufleben. Ernstzunehmende Vision oder marxistischer Köhlerglaube? Der Artikel macht deutlich, dass die „Jünger der Planung“ davon träumen, dass sie mittels der modernen Computer- und Informationstechnik die relevanten Informationen generieren können, um den Markt zu steuern – „Der Zugang zu allen möglichen Daten erlaube es, die unsichtbare Hand des Markts zu finden.“

Nach meinem Empfinden wird bei einer derartigen „Big Data Planwirtschaft“ das neoklassische Modell nach Walras unterstellt. Durch „Big Data“ soll das Walras-Modell der „Allgemeinen Gleichgewichtstheorie der Neoklassik“ endlich in der Realität ankommen. Dieses Modell ist bis heute das grundlegende Modell der mathematischen Analysemethodik im Mainstream der Neoklassik. In diesem Modell werden die Gleichgewichtspreise und die entsprechenden Gleichgewichtsmengen über ein Gleichungssystem simultan bestimmt – „Güter“ werden durch „Güter“ getauscht. Da das Gleichungssystem simultan gestaltet ist, laufen alle Prozesse unmittelbar und zeitgleich ab – ein allwissender Auktionator sorgt für diesen reibungslosen und zeitgleichen Ablauf. Ergo ist die Zeit im Grunde wegdefiniert und somit können auch unmittelbar Güter gegen Güter getauscht werden – ohne Geld. Und dieser allwissende Auktionator ist ohne Umstände mit dem Zentralplaner austauschbar – zumindest in diesem Modell.

Kritik: Das Modell der „Allgemeinen Gleichgewichtstheorie der Neoklassik“ entspricht nicht der realen Welt. Den allwissenden Auktionator gibt es nicht: Menschen haben nur begrenztes Wissen, ebenfalls die zentralen Planer. Und die Realität ist nicht „statisch“ wie im Modell der „Allgemeinen Gleichgewichtstheorie der Neoklassik“ – die reale Welt kennt die Zeit und ist somit eine „dynamische“ Welt.

Neoklassiker fuhren und fahren schon immer auf der Idee ab, mittels eines Supercomputers alle Pläne, Wünsche, Präferenzen usw. aller Menschen zu sammeln. Mittels des Supercomputers (= des allwissenden Auktionators) soll dann das Modell der „Allgemeinen Gleichgewichtstheorie“ durchgespielt werden und ein jeder Mensch wird gemäß optimaler Allokation der Güter beglückt werden.

Insbesondere marxistische Anhänger der ökonomischen Neoklassik träumten davon. Einer dieser marxistischen Neoklassiker – Oskar Lange – wird im Artikel explizit genannt. Doch auch nicht-marxistische Neoklassiker teilten derartige Träume. So schrieb bspw. die Neoklassikerin Christina Kruse 1988 in ihrer Dissertation, dass das Theoriegebäude der „Allgemeinen Gleichgewichtstheorie der Neoklassik“ auch auf ein sozialistisches Gemeinwesen anwendbar ist, so dass damit durchaus eine optimale Zentralplanung der Ressourcenverwendung möglich sei.

Informationen und Wissen

In dem Artikel werden die Thesen Hayeks zur wichtigen Rolle der Informationen im Marktprozess erwähnt – aber nicht korrekt erwähnt! Hayek sprach keineswegs nur von „Echtzeitinformationen“, sondern vielmehr – ich spitze jetzt ein wenig zu – davon, dass mir der Markt heute sagt, wie ich gestern hätte handeln sollen und mir wiederum morgen sagt, wie ich hätte heute handeln sollen.

Dies ist ein elementarer Unterschied zu der Floskel „Echtzeitinformationen“ des Artikels. Für Hayek waren die Preise die Informationsträger, die Preise senden die Signale aus, aufgrund welcher die Menschen unternehmerisch handeln – auch der private Haushalt handelt in diesem Sinne unternehmerisch; somit ist das „Preissystem“ ein „Signalsystem für jeden Haushalt und jede Unternehmung“.

Durch das ständige Handeln der Menschen am Markt wiederum verändern sich auch ständig die Rahmenbedingungen des Marktes, dadurch werden ständig veränderte Preissignale gesendet, so dass – dies hat Israel M. Kirzner hervorragend herausgearbeitet – ein „allgemeines Gleichgewicht“ à la Walras in der realen Welt ein Ding der Unmöglichkeit ist.

Außerdem stellte Hayek klar, dass der zentrale Planer, auch wenn dieser über ein Supergehirn oder einen Supercomputer verfügen sollte, dieser keineswegs alle Informationen und alles Wissen sammeln könne, weil Menschen über implizites Wissen verfügen. Wissen, welches sie bei einer Befragung, bei einem Ausfüllen eines Fragebogens usw. unwissentlich unterschlagen werden, weil ihnen dieses Wissen gar nicht bewusst ist (vielleicht auch als unwichtig oder selbstverständlich erscheint).

Doch gerade dieses implizite Wissen, welches auch unbewusst ins Handeln einfließt, hat einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf das menschliche Handeln und damit auf die Signale des Preissystems (also auf die gesendeten Informationen). Besonders in diesem impliziten Wissen des menschlichen Handels finden sich – so Hayek – wichtige Informationen für das Preissystem.

Außerdem, ich übernehme hier eine Formulierung von Thomas Lackmann: Menschen, die wissen, dass sie beobachtet werden, verhalten sich anders als die in freier Wildbahn. Will sagen, dass Menschen, wegen des institutionellen Zwangs, bei der Weitergabe von Informationen zurückhaltend sind und/oder die übermittelten Informationen den von ihnen unterstellten Erwartungen des Datensammlers anpassen werden. (z. B. der Regierung) versucht zu antizipieren und folglich daran die Weitergabe der Informationen anpasst.

Was sind implizite Information oder was ist unbewusstes Wissen?

Mit dem „Arrow-Theorem“, dem Allgemeinen Unmöglichkeitstheorem der Sozialwahltheorie, lässt sich einfach darlegen, was mit impliziten Informationen und unbewusstem Wissen gemeint ist.

Dieses Theorem wurde vor vielen Jahren von einem meiner Lehrer anhand eines einfachen Beispiels griffig erklärt. Man stelle sich vor irgendjemand ist irgendwo eingeladen. Der Gastgeber fragt diesen Gast, was er trinken wolle – Weinbrand, Gin oder Whisky. Der Gast antwortet, dies sei ihm gleich. Worauf der Gastgeber auf den Getränkewagen weist – der Gast solle sich bedienen. Der Gast greift direkt und ohne lange zu überlegen zur Gin-Flasche, diese ist jedoch leer; so dass der Gast spontan zur Whisky-Flache greift, die aber auch leer ist.
Folglich gilt, obwohl der Gast auf die Frage die drei Getränke als „gleichwertig“ bezeichnete, seine spontane Handlung zeigt, dass er dem Gin die erste Präferenz widmet, den Whisky an zweiter Stelle setzt und erst an dritter Position folgt der Weinbrand. Diese wertende Rangfolge floss als Antwort, als Information nicht in die Befragung durch den Gastgeber ein – unbewusstes Wissen wurde dem Gastgeber (= dem zentralen Planer) vorenthalten.

Das Beispiel mag profan klingen, doch der Alltag ist meistenteils profan und es sind unzählige – jeder sollte einmal überlegen – derartiger profaner Kleinigkeiten zu finden, die dem Zentralplaner unbewusst vorenthalten werden.

Folglich wird durch die mangelhafte Information auch zentrale Planung mittels eines Super-Super-Computers scheitern: „Big Data Planwirtschaft“ und das walrasianische Modell der „Allgemeinen Gleichgewichtstheorie der Neoklassik“ werden auch mit einem Super-Super-Computer scheitern, die „unsichtbare Hand“ wird nicht sichtbar werden!

Das Walras-Modell und die Realität

Regelmäßig unterstellen die mathematisch ausgerichteten Modellierer des Modells zumindest implizit, dass es neben Indifferenzkurven stabile Nachfrage- und Angebotskurven gibt.

Indifferenzkurven sollen vermitteln, dass Menschen irgendwelche Güter als gleichwertig ansehen. Derart gleichwertige Güter würden zwischen den Menschen gehandelt und getauscht – es wird das „Prinzip der Gleichwertigkeit der getauschten Güter“ unterstellt.
Euer Ehren! Einspruch: Wenn die Güter nur gleichwertig wären, würden Tausch und Handel brach liegen; denn bei „Gleichwertigkeit der Güter“ liegt kein Grund zum Tauschhandel vor. Buridans Esel lässt grüßen: „Ein Esel steht zwischen zwei gleich großen und gleich weit entfernten Heuhaufen. Er verhungert schließlich, weil er sich nicht entscheiden kann, welchen er zuerst fressen soll.“    
Menschen tauschen Güter, weil sie ganz subjektiv – und eben nicht kardinal messbar – das begehrte Gut eben höher einschätzen als das Gut, welches sie im Tausch abgeben wollen und beide Tauschpartner haben einen subjektiven Vorteil durch die Tauschaktion. Dadurch entstand Handel, daraus entstand Arbeitsteilung, dadurch erst stieg die materielle Wohlfahrt an – Wandel durch Handel; dass das Tauschmedium Geld normalerweise der Vermittler zwischen den begehrten Gütern ist, spielt für das Verständnis des Prinzips des Tauschens keine Rolle. Ein profanes Beispiel: Ein Buch wird zum Preis von 10 EURO zum Tausch angeboten. Demjenigen, der das Buch zu diesem Preis kauft, ist das Buch im Moment des Kaufes mehr wert als diese 10 EURO – umgekehrt gibt der Verkäufer das Buch nur ab, weil dieser den Wert des Buches unter 10 EURO veranschlagt.

Die Unterstellung von stabilen Nachfragekurven besteht den Realitätstest ebenfalls nicht. Warum? Selbst, wenn ein „Jemand“ – bevor die Einkaufstour startet – eine Einkaufliste (z. B. mit zwölf Produkten) streng und akkurat nach seinen Präferenzen erstellt, kann und wird sich das Nachfrageverhalten unmittelbar während des Einkaufens ändern.
Beispiel: Während der Einkaufstour sieht unser „Jemand“ das Gut „X“, welches unser „Jemand“ mittelfristig – aber wegen des bisher hohen Preises nicht sofort – erwerben möchte. Nun ist dieses Gut „X“ aus irgendeinem Grunde (vielleicht eine Werbemaßnahme) kurzzeitig um 40% preisgünstiger im Angebot als üblicherweise, so dass dieses Gut „X“ an die erste Stelle der Präferenzliste des „Jemands“ aufrückt. Der ganze Einkaufsplan, vorher akkurat geplant, wird nun obsolet: Die Einkaufsliste ändert sich – und dadurch ändert sich während der Einkaufstour des „Jemands“ die Nachfragekurve. Und es gibt täglich Millionen solcher „Jemands“! Das Preissystem sendet ständig neue Signale aus.

Unternehmer werden unmittelbar flexibel auf die neuen Signale – wie gerade im Einkaufsbeispiel beschrieben – reagieren und das Angebot so schnell als möglich den neuen Signalen anpassen. Betriebsverwalter natürlich nicht, die werden verzögert und vielleicht sogar verspätet reagieren. Folglich gilt, dass es auch keine stabilen Angebotskurven gibt – höchstens kurzfristig sind die Angebotskurven scheinbar stabil, es kommt eben darauf an, wie schnell sich Unternehmer den geänderten Signalen anpassen können.

Aus dem Gesagten, aus der Kritik folgt nicht, dass die Analyse und Modellierung von „Angebot und Nachfrage“ überflüssig oder grundfalsch ist. Nein, das „Modell der Preisbildung“ mittels „Angebots- und Nachfragekurve“ (oder Angebots- und Nachfragefunktionen) sollte eben nur als das genommen werden, was es ist: Nämlich ein Erklärungskonzept aggregierten menschlichen Verhaltens und eine methodologische Funktion der Wirtschaftswissenschaften, es dient nur dazu, elementare wirtschaftliche Zusammenhänge theoretisch durchsichtig und ohne praktische Unzulänglichkeiten zu beschreiben.
Das Wirtschaftsgeschehen ist ein komplexes System – und komplexe System haben „einfach“ erklärt zu werden – und hier hat das „Modell der Preisbildung“ mittels „Angebots- und Nachfragekurve“ die dienende Funktion das einfache Werkzeug der Analyse zu stellen, mehr nicht.
Ein Überdehnen des Modells, ja sogar eine Gleichsetzung des Modells mit der realen Welt ist ein Irrweg.

Fazit: Planwirtschaft wird auch mit „Big Data“ misslingen!

Macht uns der Computer zu Kommunisten?

Big Data lässt den linken Traum der Planwirtschaft wiederaufleben

Beitrag von Adrian Lobe
(erschienen am 24. August 2019 in
Neue Zürcher Zeitung)

Warum ist der real existierende Sozialismus gescheitert? Weil der Staat zu wenig Informationen hatte, um den Markt zu steuern, sagt der chinesische Unternehmer Jack Ma. Das sei heute anders. Mit Daten lasse sich jeder Markt beherrschen.

Selbst Schokoladenkekse kann man nur verkaufen, wenn die Leute sie essen wollen. Also muss es darum gehen, möglichst genau zu wissen, wo wie viele Leute Kekse mögen. (Bild: Jason Alden / Bloomberg)

In Venezuela zeigt sich derzeit die Hybris der Planwirtschaft: leergefegte Supermarktregale, lange Schlangen an den Tankstellen, eine Hyperinflation von über 130 000 Prozent. Lebensmittel, Hygieneartikel und selbst der Strom werden rationiert. Es fehlt an allem: Nahrungsmittel, Toilettenpapier, Antibiotika, Bettlaken. Coca-Cola hat 2016 seine Produktion gestoppt, weil es keinen Zucker mehr gab. Die Menschen haben aufgrund der Mangelernährung 2016 im Durchschnitt neun Kilo abgenommen. Das Malaise der venezolanischen Volkswirtschaft hat fast schon Lehrbuchcharakter.

Die Klassiker der liberalen Ökonomie – Friedrich August von Hayek zum Beispiel – brachten gegen die Planwirtschaft vor allem einen steuerungstheoretischen Einwand vor: Der Planer verfügt nie über bessere Echtzeitinformationen als der Markt. Der Staat weiss nicht, wie viele Fahrzeuge, Toaster und Türgriffe produziert werden müssen, damit der gegenwärtige Bedarf gedeckt ist.

Man müsste Millionen von Gleichungen lösen, um ein makroökonomisches Gleichgewicht zu erhalten. Eine zentrale Planungsbehörde könne nie das gesamte Wissen über die Gesellschaft aggregieren, geschweige denn die Nachfrage nach bestimmten Gütern berechnen. Doch durch die Fortschritte der Informationstechnologie könnte dieses Wissensproblem gelöst werden …

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Macht uns der Computer zu Kommunisten?

Eine Lanze für die Philanthropie

von Hardy Bouillon

(erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 5. August 2019)

Befürworter staatlicher Umverteilung begrüßen die Philanthropie, weil diese Wohlfahrtsaufgaben erfüllt, die dem Staat erspart bleiben. Aber sie glauben nicht, dass die Philanthropie den Sozialstaat ersetzen könnte oder gar sollte.

Hardy Bouillon
Hardy Bouillon

Ihre Haltung ruht vor allem auf zwei Einwänden: dem Unterversorgungseinwand und dem Diskriminierungseinwand. Der erste wiegt wohl am schwersten. Er behauptet, dass die freiwillige Umverteilung zu wohltätigen Zwecken weit hinter der verordneten Umverteilung zurückbliebe. Eine gewisse Anfangsplausibilität kann man dieser These nicht absprechen. Sie beruht auf dem sogenannten Gefangenendilemma, das die Entscheidungsnot zweier tatverdächtiger Komplizen schildert. Beide werden getrennt zur Tat verhört. Gesteht keiner, dann werden beide milde bestraft. Gestehen beide, fällt ihre Strafe hoch aus. Gesteht nur einer, geht der Geständige straffrei aus, während der Standhafte die Höchststrafe erhält. Die dominante Strategie für beide ist, getrennt „dicht zu halten“. Aber keiner der beiden wählt diese Strategie, weil jeder fürchtet, der andere könnte „singen“ und er wäre dann „der Dumme“. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob das Gefangenendilemma auch für die Philanthropie gelten würde. D.h., die beste Lösung (hier: ausreichend großes Spendenvolumen) bleibt aus, weil jeder befürchtet, der „Dumme“ zu sein; also jener, der spendet, während die anderen nicht spenden.

Doch der erste Blick täuscht. Als Roosevelt 1933 den Universitäten die Mittel kürzte, fürchteten viele Umverteilungsbefürworter, dass auch Alumni und Sponsoren ihre Spenden reduzieren würden. Doch das Gegenteil trat ein! Zahl und Großzügigkeit der Spender nahmen zu, die Unterversorgung blieb aus. All dies lässt vermuten, dass der Unterversorgungseinwand das Gefangenendilemma zu Unrecht bemüht. Hinzu kommt, dass Steuergesellschaften die Möglichkeit bieten, Gefangenendilemmata zu entschärfen. Sind philanthropische Spenden steuerlich absetzbar, dann sinkt der Spendenpreis und schrumpft der Nachteil des Spenders gegenüber dem Nichtspender. Je höher die Abzugsmöglichkeiten, desto geringer der Nachteil. (Bei 100 Prozent wäre der Nachteil vollends aufgehoben.) Daher ist in Gesellschaften mit traditionell guten Abzugsmöglichkeiten die Philanthropie stärker ausgeprägt als andernorts. Wie Karl-Heinz Paqué schon in den 80ern für die USA zeigte, gilt dies auch, wenn neben steuerlichen Vorteilen kulturelle Besonderheiten ursächlich sind.

Auch das reale Spenderverhalten entschärft den Unterversorgungseinwand, wie ein Blick auf Sozialleistungsquote und Spenderquote zeigt. Die Sozialleistungsquote deutscher Steuerzahler – Anteil der individuellen Steuer, der in den Sozialhaushalt fließt – liegt derzeit bei ca. 30%. Die Spenderquote – Anteil der Spender unter allen Bürgern – beträgt momentan 40%. D. h., dass 40% der Bürger trotz einer 30prozentigen Sozialleistungsquote sich nicht davon abhalten lassen, zusätzlich für wohltätige Ziele zu spenden. (Sie spenden quasi „on top“.) Wem man unterstellen kann, dass er mit der Verwendung von 30% seiner Steuern für philanthropische Ziele einverstanden ist, wird man wohl auch unterstellen müssen, dass er seine individuelle Sozialleistungsquote für zu gering hält. Andernfalls würde er wohl kaum zusätzlich spenden. Und wie steht es mit den „On top“-Spendern, denen man keine Zustimmung zur individuellen Sozialleistungsquote zuschreiben kann? Vielleicht wird man ihnen unterstellen, Einwände zur staatlichen Auswahl oder zum Umfang der wohltätigen Zwecke zu haben; vielleicht auch, dass sie ihre Sozialleistungsquote, sofern sie diese einbehalten dürften, (zumindest teilweise) zu anderen als zu philanthropischen Zwecken verwenden würden; aber wohl kaum, dass sie im Falle der freien Verfügung über die eigene Sozialleistungsquote ihr philanthropisches Spendenverhalten gänzlich einstellen oder reduzieren würden.

Wer hat, der gibt, und wer mehr hat, der gibt mehr! Diese einfache Regel gilt auch unter Philanthropen, wie Befragungen ergeben. Folgt man dem Deutschen Spendenmonitor, dann lag 2017 die Spenderquote (von 4000 Befragten) im Westen der Republik höher als im Osten (44% vs.
28%), spendeten Rentner über 65 Jahren häufiger als junge Erwachsene zwischen 30 und 50 Jahren (54% vs. 36%), stieg die Spendenhöhe von 1995 bis 2007 von 78€ auf 143€ und das Spendenvolumen von 2,08% auf 3,71%. Befragungen lassen Erbschaften, Unternehmens-, Groß- und Parteispenden sowie Stiftungsgründungen und gerichtlich verordnete Geldzuwendungen meist außen vor. Kalkuliert man dergleichen ein, dann kommt man auf ein jährliches Spendenvolumen von 8 – 8,5 Milliarden €. Die Summe liegt nahe an dem, was sich aus den Steuerstatistiken ermitteln lässt. Für 2013 wurde für Spenden in Höhe von 6,8 Mrd. € die steuerliche Abzugsmöglichkeit geltend gemacht. (Vorträge in Höhe von 2,3 Mrd. € wären davon zu subtrahieren, steuerlich unberücksichtigte Barspenden zu addieren.)

Verglichen mit der Ermittlung des monetären Spendenvolumens ist die monetäre Erfassung von Zeitspenden weitaus schwieriger. Aber sie zeigt, dass philanthropisches Handeln ein viel größeres Ausmaß annimmt als philanthropisches Spenden. Folgt man dem Freiwilligensurvey, dann kamen 2014 9% aller Zeitspenden für gemeinwohlorientierte Zwecke dem Bereich Kultur zugute. Die Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland” kam in ihrem Abschlussbericht zur Einschätzung, dass der monetarisierte Wert der Zeitspenden für kulturelle Zwecke im Jahr 2006 zwischen 9,3 und 16,7 Milliarden € betrug. Folgt man dieser Umrechnungsart, dann dürfte der monetarisierte Wert aller Zeitspenden für philanthropische Zwecke jährlich zwischen 100 und 185 Milliarden € betragen. Großzügigere Möglichkeiten, Zeitspenden steuerlich geltend zu machen, würden wohl eine Zunahme an Zeitspenden auslösen. Derzeit sind derlei Möglichkeiten kaum vorhanden und beschränken sich vornehmlich auf die Ehrenamtspauschale (720€ p. a.) und die Übungsleiterpauschale (2400€ p. a.).

Was derzeit jedoch für den Unterversorgungseinwand spricht, ist ein organisationsrechtlicher Umstand. Ein Großteil der Philanthropie findet im sogenannten Dritten Sektor statt, und zwar in Form von NPO (Non-Profit-Organisationen). NPO ist in Deutschland der Zugang zum Kapitalmarkt verwehrt und (wegen fehlender Sicherheiten) der Zugang zum Kreditmarkt erschwert. Damit sind ihnen und dem Dritten Sektor – der hierzulande mit 4,1% zur Bruttowertschöpfung beiträgt – wichtige Wachstumsoptionen genommen.

Auch der Diskriminierungseinwand hat eine gewisse Anfangsplausibilität. Der Grund ist offenkundig: Reduzierte man die staatliche Umverteilung zu wohltätigen Zwecken im Vertrauen auf potente Philanthropen, dann überließe man diesen die Entscheidung, Ziele, Mittel und Empfänger ihrer Wohltätigkeit selbst auszusuchen. Infolgedessen können die Entscheider diskriminieren, und zwar nach Kriterien, die sie selbst wählen. Der Diskriminierungseinwand übersieht jedoch mindestens zweierlei:

Erstens, sowohl private als auch staatliche Umverteilungen nehmen Diskriminierungen vor. Es ist nicht offensichtlich, warum staatliche Diskriminierungen im Wohltätigkeitssektor privaten Diskriminierungen überlegen sein sollten.

Zweitens, private Diskriminierungen finden bereits jetzt schon im Philanthropiesektor statt und bilden schlicht das ab, was der Madrider Ökonom Philipp Bagus den „Markt des Gebens“ nennt. Für diesen Markt ist – wie für andere Märkte auch – die Annahme naheliegend, dass er aus Effizienzgründen der staatlichen Umverteilung überlegen ist.


Eine gekürzte Version dieses Textes erschien am 5. August 2019 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Politics follow the money – the ECB’s fate

GIS Statement by Prince Michael of Liechtenstein

History contains many examples of what happens when politicians gain control over the currency. Few of them end well. In a not very convincing way, the European Union’s heads of state and governments have chosen a new leadership team at the Union level. The most powerful appointment was probably not the new president of the European Commission, but the nominee to lead the European Central Bank– the guardian of the single currency.

Christine Lagarde
Christine Lagarde. (source: dpa)

Ever since money was invented, governments have tried to control it. That means mankind has a long history of monetary devaluations, which happen whenever the ruling authorities see an easy opportunity to finance their political or bureaucratic objectives.

Stabilizing factor

The gold and silver content of specie was ordinarily a stabilizing factor, though we have seen its debasement even in Roman times, through the admixture of copper. This practice had an inflationary effect. The one big exception was during the 16th and 17th centuries, when the Spanish Empire discovered such abundant gold and silver in the Americas that its very oversupply inflated prices. Since then, however, gold production has remained quite stable.

In the case of fiat money, the stabilizing factor is the issuing central bank, which must strike a balance between preserving the value of the currency and supplying enough money to ensure economic liquidity. Fiat money is a currency that is not backed by underlying collateral, such as precious metals, but by the trust people have for the emitting institution. Today, for most of Europe, this institution is the ECB, whose primary duty is to preserve the value of the euro …

U.S. President Donald Trump’s recent visit to the United Kingdom and Normandy, France, for the 75th D-Day anniversary was instructive in this regard. In the UK and the president’s subsequent short visit to Ireland, the American leader made clear once again that the U.S. strategy for dealing with the transatlantic community is not centered on the European Union. That is crucial for Germany, which continues to remain a dominating force in EU policymaking …

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Politics follow the money

 


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Mark your calendar: Gottfried von Haberler Conference 2020

gottfried haberler conference 2020
“By giving the government unlimited powers, the most arbitrary rule can be made legal; and in this way a democracy may set up the most complete despotism imaginable.” – Friedrich A. von Hayek (Nobel Prize 1974)

On the Morality of the State
and the State of Political Morals


Über die Hybris der Staaten und den Zustand politischer Moral


Gottfried von Haberler Conference 2020 | The 16th International Gottfried v. Haberler Conference will take place on May 29, 2020 at University of Liechtenstein in Vaduz. Conference topic: On the Morality of the State and the State of Political Morals. The event will be organized and hosted by ECAEF – European Center of Austrian Economics Foundation. The support of the University of Liechtenstein and multiple local and international sponsors is gratefully acknowledged.

By invitation only

Admission: General CHF 150/Euro 150; Students CHF 50/Euro 50

Academic Director: Kurt R. Leube
Tel. +1 650 248 4955 and Tel. +43 676 942 8980 (krleube at gmail.com)

Administration: Rosmarie Lutziger
Tel. +423 235 1570 (Rosmarie.Lutziger at lgt.com)

Media Matters: Karin Brigl
Tel. +423 235 2344 (karin.brigl at lgt.com)

Conference Program will be announced soon.


Relevant literature will be offered for sale by buchausgabe.de

List of all Gottfried von Haberler Conferences since 2005