Remembering Gerard Radnitzky (1921–2006)

You can find the English version below.

Am 2. Juli 2026 wäre Gerard Radnitzky 105 Jahre alt geworden. Würde er noch leben, dann wäre er über die endemische Selbstzersetzung der Demokratie in Politik und Gesellschaft entsetzt – entsetzt, aber nicht erstaunt.

Denn er hat jene endemische Selbstzersetzung stets für einen systemimmanenten Mangel demokratischer Staaten gehalten.

Radis Ratsche – den Begriff hätte er wohl nicht geschätzt. Seine kultivierte Art wäre ihm im Weg gewesen. Aber insgeheim hätte es ihn vielleicht amüsiert, wenn er erfahren hätte, wie einprägsam Lehren sein können, sofern man den Duktus wissenschaftlicher Sprache fallen lässt.

Für Radnitzky war der Ratscheneffekt das Erkennungsmerkmal der Demokratie schlechthin. Bürokratisierung, Überregulierung, Freiheitseinschränkung: sie alle wachsen und wuchern, und das unaufhaltsam. Und wenn man sich an die neue Einengung gewöhnt hat und glaubt, wieder atmen zu können, dann wird ein weiterer Zahn der Ratsche festgezogen. Wie und wann genau es ein Ende nimmt, lässt sich schwer
sagen, aber eines war für Radnitzky unschwer erkennbar: Es gibt kein systemimmanentes Korrektiv, keine Möglichkeit, das Ruder herumzureißen.

Gewiss können wirtschaftlicher Niedergang oder innere Unruhen einen Kurswechsel bewirken. Ähnliches gilt für Naturkatastrophen oder feindliche Angriffe. Aber diese Extreme stellen interne oder externe Desaster dar und sind nicht das, was die Demokratie als Korrektiv ihrer Fehlentwicklung vorgesehen hat. In einer Demokratie wächst der Staat unaufhörlich. Gelegentliche Ausreißer (zu Radnitzkys Zeiten waren das Reagan und Thatcher) bewirken kaum mehr als das gelegentliche Nachlassen der empfundene Enge. Schon bald ringen ihre Nachfolger darum, die Ratsche wieder anzuziehen. Und dass sie dabei vorsichtig vorgehen müssen, liegt vor allem an der Mehrheitshürde also an dem, was die Demokratie letztlich auszeichnet bzw. auszeichnen sollte.

Wen Radnitzky neben Popper und Hayek am meisten schätzte, war Anthony de Jasay. Wie jener, glaubte auch Radnitzky, dass man nicht mehr als 50% plus 1 Stimme brauche, um in der Demokratie festzulegen, wer die nächste Ratschenregierung stellt. Vielleicht haben hier beide geirrt. Verzichtet die Mehrheit der koalitionsfähigen Parteien auf bestimmte alternative Koalitionen (Stichwort: Brandmauer), dann ist die einfache Mehrheitsregel außer Kraft gesetzt. Radnitzky und Jasay haben kollektiven Koalitionsverzicht unter koalitionsfähigen Parteien nicht gekannt. Über diese Weiterentwicklung der Demokratie wären vermutlich beide sowohl entsetzt als auch überrascht gewesen.

Dass die Selbstzersetzung der Demokratie in der Politik leichter voranschreiten kann, wenn sie auch im gesellschaftlichen Raum einsetzt, war Radnitzky klar. In seinen Seminaren erzählte er immer wieder gerne Geschichten aus seiner Zeit in Schweden und davon, woran man erkennen
konnte, dass der demokratische Zeitgeist sich dort viel früher auszubreiten begann als in Mitteleuropa. Radnitzky merkte es in den 60er Jahren am „Du“, das plötzlich und überall das förmliche „Sie“ ersetzte: „Eines Tages begann mein Tankwart, mich zu duzen. Dabei hatte ich ihm das Du gar nicht angeboten.“ Radnitzky war entsetzt und amüsiert zugleich – entsetzt über den Verfall der Manieren und amüsiert über den Missbrauch der Sprache. Das „Sie“ gilt dem Fremden, Unvertrauten, das „Du“ gehört dem Freund, dem Vertrauten, dem man etwas zu sagen hat, was man dem Fremden nicht anvertraut. Der Übergang vom Sie zum Du geschieht beidseitig und einvernehmlich – nicht einseitig und nicht ohne Zustimmung. Anders als die Regierungsratsche der Politik kennt die Sprachratsche der Gesellschaft nur einen Zahn. Er steht zwischen dem Sie und dem Du. Wer ihr diesen Zahn zieht, ist an seinem Ziel angekommen. Und dann? Sind mit dem allseitigen Du alle miteinander vertraut, befreundet?

In Deutschland kann man derzeit überall eine Ausbreitung des ungefragten Duzens ausmachen – in der Werbung, in der Wirtschaft, in der Politik. In der Gesellschaft sowieso. 20-jährige Kellner fragen 60-jährige Gäste: „Was kann ich Euch bringen?“ „Zahlst Du mit Karte oder bar?“ Ob unaufgefordertes Duzen das demokratische Band der Gesellschaft stärkt? Hat man dem Mitbürger mehr zu sagen, wenn man ihn duzt? Radnitzky hätte es wohl bezweifelt.

In „The Banshees of Inisherin“ geschieht etwas Unerhörtes. Eines Tages kündigt ein Duzfreund dem anderen die Freundschaft. Seine Begründung: Er wolle nichts mehr von ihm hören, habe ihm nichts mehr zu sagen. Die Sprachratsche lässt sich leichter außer Kraft setzen als die Politikratsche. Sie ist einseitig aufkündbar, wenn einer dem anderen nichts mehr zu sagen hat, das diesen interessiert. Vielleicht ist das eine Lehre für die Politik: Wehe, wenn Du Deinen Wählern nichts mehr zu sagen hast, das sie interessiert.

……..

On 2 July 2026, Gerard Radnitzky would have celebrated his 105th birthday. Were he still alive today, he would be appalled by the endemic self-destruction of democracy in politics and society—appalled, but hardly surprised.

For Radnitzky always regarded this tendency towards self-destruction as an inherent weakness of democratic government.

He would probably not have appreciated the expression “Radi’s Ratchet.” His cultivated temperament would have recoiled from such a label. Yet privately he might well have been amused to discover how memorable an idea can become once it is freed from the conventions of academic language.

For Radnitzky, the ratchet effect was democracy’s defining characteristic. Bureaucracy, overregulation, and restrictions on individual liberty all expand relentlessly. Each time people have adapted to a new limitation and feel they can breathe freely again, another notch of the ratchet is tightened.

Precisely where this process ends is impossible to say. One thing, however, was perfectly clear to Radnitzky: democracy contains no internal mechanism capable of reversing the trend. It provides no built-in corrective by which the expansion of state power can systematically be rolled back.

Economic decline may force governments to change course. So may civil unrest, natural disasters, or external military threats. But these are crises, not constitutional correctives. They are internal or external disasters, not mechanisms through which democracy itself remedies its own failures.

Within a democracy, the state grows almost inexorably. Occasional exceptions—in Radnitzky’s day, Ronald Reagan and Margaret Thatcher—do little more than provide temporary relief from the growing sense of political constraint. Before long, their successors begin tightening the ratchet once again. The only reason they proceed cautiously is the need to secure electoral majorities—that is, the very feature that defines, or ought to define, democracy itself.

Alongside Karl Popper and Friedrich Hayek, the thinker Radnitzky admired most was Anthony de Jasay. Like Jasay, he believed that in a democracy all one needs is 50 per cent plus one vote to determine who forms the next government.

Perhaps both men underestimated democracy’s capacity to evolve. If the majority of parties that are, in principle, capable of forming coalitions refuse to cooperate with certain political competitors—the so-called Brandmauer (“firewall”)—then the simple majority principle is effectively suspended. Neither Radnitzky nor Jasay anticipated the phenomenon of coalition-capable parties collectively refusing particular governing combinations. They would almost certainly have regarded this latest development as both alarming and unexpected.

Radnitzky also understood that democracy’s self-destructive tendencies in politics advance more easily when similar tendencies emerge within society itself. In his seminars, he often recounted stories from his years in Sweden, where he believed the democratic Zeitgeist had begun reshaping social relations much earlier than it had in Central Europe.

What struck him in the 1960s was the sudden disappearance of the formal mode of address. “One day,” he recalled, “my petrol station attendant addressed me using du. I had never invited him to do so.”

He found the experience both disturbing and amusing: disturbing because it reflected a decline in manners, amusing because it represented a misuse of language.

The formal mode of address is reserved for strangers and those with whom one has no personal relationship. The informal form belongs to friends and trusted acquaintances—to people with whom one shares a familiarity that does not exist with strangers. The transition from the formal to the informal should always be mutual and consensual, never unilateral.

Unlike the political ratchet, the linguistic ratchet possesses only a single tooth. It lies between the formal and the informal mode of address. Once that distinction disappears, the ratchet has reached its final position.

But what then? Does universal informality really make everyone friends?

In Germany today, unsolicited informality is spreading everywhere—in advertising, business, politics, and everyday social life. Twenty-year-old waiters casually ask sixty-year-old customers, “What can I get you?” or “Are you paying by card or cash?” Does addressing fellow citizens informally without invitation strengthen the social fabric of democracy? Does it create greater trust, or simply blur distinctions that once carried genuine meaning? Radnitzky would almost certainly have doubted it.

In The Banshees of Inisherin, something remarkable occurs. One lifelong friend abruptly ends the friendship. His explanation is simple: he no longer wishes to hear from the other man because he no longer has anything worth saying to him.

The linguistic ratchet is easier to reverse than the political one. A friendship can be terminated unilaterally once one person has nothing left to say that interests the other.

Perhaps there is a lesson here for politics as well: woe betide those who no longer have anything to say that their voters wish to hear.

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