Hardy Bouillon: “Gerechtes Glück”

Hardy Bouillon Gerechtes GlückNeu erschienen in unserer ECAEF-Buchreihe: Hardy Bouillon* “Gerechtes Glück”

Das Buch “Gerechtes Glück” ist zum einen eine Taxonomie der Theorien sozialer Gerechtigkeit – so der Untertitel – und zum anderen eine Rehabilitierung der Philanthropie.

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Worum geht es?

“Gerechtes Glück” ist eine Untersuchung zu einer virulenten Theorie im Schnittfeld von Glücksökonomie und Gerechtigkeitsphilosophie, die der Autor wie folgt auf den Punkt bringt. „Materielle Ressourcen, die eine Person hat, aber nicht zur weiteren Steigerung des eigenen Glücks nutzen kann, sollten nicht nur aus Gründen sozialer Gerechtigkeit, sondern dürfen auch aus Gründen der formalen Gerechtigkeit umverteilt werden, weil sie das Glück des Nehmers mehren, ohne das Glück des Gebers zu schmälern.“

Aus Sicht von Bouillon ist die These vom gerechten Glück falsch. Um dies zu zeigen, entwickelt er eine Taxonomie der Theorien sozialer Gerechtigkeit und zeigt die Unzulänglichkeiten auf, die hinter der These vom gerechten Glück stecken. Aber er lässt es nicht bei einer Kritik bewenden, sondern zeigt auch, auf welche Weise die These vom gerechten Glück zu retten ist, nämlich durch die Rehabilitierung der Philanthropie. Sie, die Philanthropie, ist für Bouillon die einzige bekannte Form, die das Glück des Nehmers mehren kann, ohne das des Gebers zu schmälern.

Zum Inhalt des Buches

Der Autor fasst sein Buch wie folgt zusammen: Um die These vom gerechten Glück angemessen diskutieren zu können, wurde die Abhandlung in drei Kapitel unterteilt. Das erste beleuchtet das Verhältnis von Glück und Gerechtigkeit, soweit es den Zielen der Studie zuträglich zu sein schien. Zu diesem Zweck wurde eine Definition von Glück entwickelt, welche die Möglichkeit materiell bedingten Glücks einräumt, ohne den flüchtigen Charakter des Glücks zu leugnen. Anschließend wurden zwei Grundannahmen diskutiert, die wesentliche Bestandteile der These vom gerechten Glück sind. Gemeint ist die Vorstellung vom abnehmenden Grenznutzen des Einkommens oder Geldes und die Idee, gerechtes materielles Glück stehe unter dem Vorbehalt, dass dasselbe auch verdient sein müsse.

Unverdientes Glück, so die Idee weiter, berge eine Ungerechtigkeit, die es durch Umverteilung zu korrigieren gelte. Die kritische Diskussion der beiden Thesen ergab, dass keine von ihnen haltbar ist, aber jede erklären hilft, warum die spontane Verteilung materiellen Glücks Gegenstand der Theorien sozialer Gerechtigkeit ist.

Sie, die Theorien sozialer Gerechtigkeit, stehen im Fokus des zweiten Kapitels, das mit der Entwicklung einer Taxonomie beginnt. Mittels der generierten taxonomischen Kriterien wurden die einschlägigen Theorien sozialer Gerechtigkeit sortiert und vor allem hinsichtlich der Frage diskutiert, ob sie dazu geeignet seien, die These vom gerechten Glück zu stützen. Geeignet in diesem Sinne wäre eine Theorie sozialer Gerechtigkeit dann, wenn sie einen Typus der Gerechtigkeit entwickelte, der mit der formalen Gerechtigkeit kompatibel wäre. Es zeigte sich im Verlauf der kritischen Erörterung, dass keine der einschlägigen Theorien sozialer Gerechtigkeit diesem Anforderungsprofil genügt bzw. mit der Idee formaler Gerechtigkeit in Einklang zu bringen ist. Dieses Ergebnis gilt für alle Varianten sozialer Gerechtigkeit; für solche, die als Komplementär, Korrektiv oder Kompensation vermeintlich unzureichender formaler Gerechtigkeit auftreten. Und es gilt auch dann, wenn eine der Varianten nur vermeintlich soziale, in Wirklichkeit aber formale Ungerechtigkeit moniert.

Das Scheitern der Theorien sozialer Gerechtigkeit im o.g. Sinne hat viele Ursachen. Im Rahmen des rawlsschen Ansatzes hätte der Nachweis gelingen müssen, dass nur die Redistribution der spontanen Verteilung materiellen Glücks, nicht aber die Beibehaltung rational begründbar ist. Im Erfolgsfall hätte dies die Vereinbarkeit formaler und spontaner Gerechtigkeit bedeuten können. Doch weder Rawls noch seinen Adepten ist dieser Nachweis gelungen. Die aktuellen Theorien sozialer Gerechtigkeit verzichten entweder vollends auf derlei Kompatibilitätsbemühungen oder rekurrieren auf Zusatzannahmen, die – wie wir sahen – der Kritik ebenfalls nicht standhalten. Sie gründen ihre Haltung insbesondere auf dem, was sich als Wasserscheide zwischen Befürwortern und Kritikern der sozialen Gerechtigkeit erweist. Gemeint ist die These von der Rechtfertigungsbedürftigkeit aller Diskriminierungen. Umverteilungskritiker können ihr entgegenhalten, dass nicht Diskriminierungen per se rechtfertigungsbedürftig seien, sondern die Allgemeinverbindlichkeit von Diskriminierungen.

Die Kritik an der staatlichen Umverteilung führte uns zu Kapitel 3. Wenn gerechtes Glück nicht im Zuge staatlicher Umverteilung erzielt werden kann, wie dann? Gibt es eine Umverteilung, die dem Nehmer Glück bringen kann, ohne dem Geber Glück zu nehmen? Unsere Analyse führte zu dem Schluss, dass es sie gibt, und zwar in Gestalt der Philanthropie. Indem der Philanthrop gibt, kann er sowohl fremdes Glück erwirken als auch eigenes erfahren. Die Bedingungen, unter denen dieses Ziel verfolgt werden kann, haben wir erörtert und dabei Proportionalitätsprobleme aufgezeigt, die entstehen, wenn man ein angemessenes Philanthropieverständnis generieren will.
Danach haben wir die wichtigsten Einwände diskutiert, die gegen die Philanthropie vorgebracht werden, darunter den Unterversorgungseinwand und den Diskriminierungseinwand. Beide erweisen sich als nicht haltbar. Eingehendere Betrachtungen haben wir vor allem dem ersten Einwand geschenkt sowie dessen irriger Annahme, die Hauptursache der Unterversorgung sei ein klassisches Gefangenendilemma. Es zeigte sich, dass der Unterversorgungseinwand lediglich für Krisensituationen eine gewisse Berechtigung hat. Ansonsten sprechen neben der einschlägigen Literatur zum Spenderverhalten und Spendenaufkommen auch die von uns vorgelegten historischen, ökonomietheoretischen und motivationalen Argumente gegen den Unterversorgungseinwand und für bessere steuerliche und rechtliche Bedingungen von Geld-, Sach- und Zeitspenden. In diesem Sinne brechen sie eine Lanze für die Philanthropie.


*Hardy Bouillon studierte Philosophie und Kunstgeschichte in Albuquerque, Oxford und Trier, wo er heute als Außerplanmäßiger Professor lehrt. Gastprofessuren führten ihn nach Duisburg-Essen, Frankfurt, Prag, Salzburg, Wien und Zagreb. Zu seinen wichtigsten Publikationen zählen Ordnung, Evolution und Erkenntnis (1991),  Freiheit, Liberalismus und Wohlfahrtsstaat (1997), Wirtschaft, Ethik und Gerechtigkeit (2010) und Wählerische Selektionen (2018). Bouillon gab zudem zahlreiche Sammelbände heraus, stellte Breviere zu Popper und Kant zusammen und verfasste viele Artikel in führenden Zeitungen, wie etwa FAZ oder NZZ. Seit 2017 ist Bouillon auch Fellow an der Liechtenstein Academy.