Christian Watrin (†2020)

C WatrinEin Nachruf von Kurt R. Leube*

   “Es gibt zwei Möglichkeiten, den gesellschaftlichen Produktionsprozess zu organisieren: die auf staatlich-politischem Zwang beruhende Planwirtschaft oder die auf Eigentum und Verträgen aufbauende Marktwirtschaft.”

Christian Watrin

    Mit dem Tod Christian Watrin’s haben die Sozialwissenschaften im Allgemeinen und der klassische Liberalismus im Besonderen einen ihrer besten Denker und Lehrer verloren. Watrin gehörte noch zu jener Generation Europäischer Wirtschaftswissenschaftler, deren Werk aus der umfassenden Sicht einander bedingender sozialwissenschaftlicher Disziplinen entstand. Auch wenn die Arbeiten grosser Ökonomen, wie etwa Ludwig von Mises, F. A. von Hayek, Ludwig Erhard oder James M. Buchanan schon vor ihm die Marktwirtschaft theoretisch begründeten, trug Watrin als Lehrender und Autor ungezählter Beiträge wesentlich zum Verständnis und Verbeitung einer freiheitlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung bei.

   Am Tonfall seiner Stimme, aber nicht zuletzt auch an seiner liebenswürdigen Persönlichkeit war leicht zu erkennen, dass Christian Watrin in Köln geboren wurde und dort inmitten der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre heranwuchs. Nach dem Studium der Betriebs- und Volkswirtschaftlehre, jedoch schon Jahre vor seiner Promotion zum Doktor rer.pol. wurde sein Lehrer Alfred Müller-Armack auf Watrin’s ausserordentliche Begabungen aufmerksam und machte ihn 1955 zu seinem Assistenten. Diese langjährige Verbindung prägte ihn nachhaltig.

   Kurz nach seiner Habilitation 1963 traf Watrin während einer Vertretungsprofessur an der Universität Freiburg mit F. A. von Hayek zusammen. Aus dieser Begegnung entwickelte sich nicht nur eine enge persönliche Verbundenheit.

   Auch Watrin’s grosses akademisches Interesse am Gedankengut der ‘Austrian Economics’ fand dort seinen Beginn. 1965 folgte er dann seinem ersten Ruf als Professor für Volkswirtschaftslehre an die Ruhr-Universität Bochum, kehrte jedoch schon nach zwei Jahren wieder an seine Alma Mater zurueck, um dort einen Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik zu übernehmen. Somit schloss sich für ihn der Kreis vom Schüler über den Assistenten zum erfolgreichen Nachfolger Alfred Müller-Armack’s. Von 1970 bis zu seiner Emeritierung 1995 leitete Watrin an der Universität Köln auch das berühmte Institut für Wirtschaftspolitik und war Mitherausgeber der einflussreichen gleichnamigen Zeitschrift. Mehrere Gastprofessuren führten ihn u.a. an die Georgetown University (D.C.), die Princeton University (NJ), nach Oxford oder Wien. Während der dramatischen Jahre 1987 bis 1992 war Christian Watrin Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates beim Bundeswirtschaftsministerium in Bonn. In dieser Zeit brach der Sozialismus in der DDR und anderen sowjetischen Satelittenstaaten endgültig an seinen theoretischen und realen Widersprüchen zusammen. Die Ereignisse in der DDR führten in der Folge 1990 dann zur Wiedervereinigung Deutschlands. Wegen seiner ebenso kompetenten wie umsichtigen und souveränen Leitung dieses bedeutenden Gremiums wurde Watrin das Bundesverdienstkreuz erster Klasse verliehen. Knapp sechs Jahre nach von Hayek’s Tod gelang es Watrin gemeinsam mit einer Reihe ausgewiesener Kollegen, Unternehmern und Publizisten die ‘Friedrich A. von Hayek Gesellschaft’ zu gründen und stand ihr als Gründungspräsident zwischen 1999 und 2006 vor. Für seinen unermüdlichen Einsatz 2005 wurde ihm die ‘Friedrich August von Hayek Medaille’ verliehen. Zwischen 2000 und 2002 diente er als Präsident der von F.A. v. Hayek, L.v.Mises, M. Friedman, u.v.m. bereits 1947 ins Leben gerufenen ‘Mont Pelerin Society’.

   Christian Watrin war sowohl ein begeisternder Lehrer mit schier unendlichem Wissen. Er war auch einer der bedeutendsten Protagonisten der Sozialen Marktwirtschaft der seine wissenschaftliche Kompetenz in die praktische Politik einbrachte und die Deutsche und Europäische Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik in massgeblicher Weise mitgestaltete. Stets pointiert aber in der Sache abwägend und fest auf dem Fundament der ‘österreichischen Schule der Nationaloknomie’ stehend setzte Watrin den utopischen Idealwelten der meisten Ökonomen eine liberale Wirtschafts- und Gesellschaftstheorie entgegen, die auf Eigentum, auf Verträgen, Selbstverantwortung und freiem Wettbewerb beruht. Da freie Märkte weder durch gemeinsame Zwecke definiert sind noch gemeinsame Ziele haben, kann nur durch zweckmässige Nutzung des im Markt vorhandenen Wissens Wettbewerb und damit neues, für alle verfügbares Wissen entstehen. Der gefährliche Irrtum der Ideologie des Wohlfahrtsstaates, aus dem Gleichbehandlungsprinzip die Forderung abzuleiten, der Staat müsse Einzelne verschieden behandeln um sie in materiell gleiche Positionen zu versetzen führt nach Watrin zur Zerstörung der Moral und Ethik einer freien Gesellschaft.

   Sein grosses wissenschaftliches Werk umfasst ungezählte wichtige Beiträge zur Wirtschafts- und Gesellschaftspolitk der Sozialen Marktwirtschaft, zur Geld- und Fiskalpolitik und zu den vielfältigen Problemen der EU. Die innere Kohärenz und systematische Entwicklung seiner Arbeiten, seine ehrliche Wissenschaftlichkeit und sein akademischer Einfluss, nicht zuletzt aber auch sein Humor, seine Bescheidenheit und sprichwörtliche Hilfsbereitschaft sind Legion. Als Gelehrter oder väterlicher Freund kam er dem Ideal des ‘gentleman’ so nahe als es Menschlichkeit erlaubt. Mit 90 Jahren starb er am 1. December 2020 in Köln im Kreis seiner Familie.

   Die ihm gewidmete Festschrift ‘Vordenker einer neuen Wirtschaftspolitik’ (FAZ Verlag, Frankfurt/M. 2000) ist bei buchausgabe.de erhältlich.


*Kurt R. Leube ist Academic Director der ECAEF (European Center of Austrian Economics Foundation) mit Sitz in Vaduz (FL).