14. Gottfried von Haberler Konferenz – Medienberichterstattung

14 Gottfried Haberler Konferenz 2018
Gottfried von Haberler Konferenz 2018 in Vaduz (Liechtenstein). Foto: Michael Zanghellini.

Die 14. Gottfried von Haberler Konferenz fand am 25. Mai in Vaduz, Liechtenstein, statt. Es folgt eine Liste mit Medienberichten über die Konferenz ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Liechtenstein

Wirtschaft regional:
Den Mythos entzaubern (26. Mai 2018)

Wirtschaft regional:
Wir leben in seltsamen Zeiten (26. Mai 2018, PDF, 480kb)

Liechtensteiner Volksblatt:
Karl Marx: Zwischen Mythos und Realität (26. Mai 2018)

Liechtensteiner Vaterland:
Den Mythos entzaubern (28. Mai 2018)

Schweiz

Neue Zürcher Zeitung:
Dem langen Schatten des Karl Marx entgegentreten (28. Mai 2018)

St. Galler Tagblatt:
Europa bröckelt an allen Ecken (28. Mai 2018)

Luzerner Zeitung:
Europa bröckelt an allen Ecken (28. Mai 2018)

Deutschland

Smart Investor:
Nichts Richtiges im Falschen (30. Mai 2018)

Eigentümlich Frei:
Untote leben länger! (13. Juni 2018)

1 FLTV:
News am 25. Mai 2018 – Gottfried von Haberler Conference an der Universität Liechtenstein

Marxens Mythos und Realität

14 Gottfried von Haberler Konferenz Vaduz 2018
S.D. Prinz Michael von Liechtenstein während seines Vortrags vor 140 geladenen Gästen anlässlich der XIV. Gottfried von Haberler-Konferenz in Liechtenstein mit internationalen Fachexperten Ende dieser Woche.

Marxens Mythos und Realität

XIV. Gottfried von Haberler Konferenz in Vaduz mit internationalen Fachexperten. Erstveröffentlicht am 27. Mai 2018 in lie:zeit

Vaduz – Auch wenn Karl Marx’ Werk wohl am besten mit Boehm-Bawerks berühmten Zitat zusammengefasst werden kann « … ein äusserst kunstreich erdachtes, mit fabelhafter Kombinationskraft in zahllosen Gedankenetagen aufgebautes, mit bewundernswerter Geisteskraft zusammengehaltenes Kartenhaus», werden 200 Jahre nach seiner Geburt seine Ideen und Theorien auf der ganzen Welt lebhaft diskutiert. An der XIV. Gottfried von Haberler Konferenz widmeten sich sechs international führende Professoren und Experten am Freitag an der Universität Liechtenstein seinem Werk. Über 140 geladene Gäste verfolgten die Vorträge und Diskussionen der Konferenz unter dem Titel «Karl Marx. Mythos und Realität».

«Die marxistische Lehre, insbesondere die Illusion der Gleichheit wurde im ‚real existierenden Sozialismus‘ umgesetzt. Gleichheit, auch gemäss Marx selbst, kann nicht in Freiheit, sondern nur in der Tyrannei erzielt werden», sagt S.D. Prinz Michael von und zu Liechtenstein, Präsident der ECAEF und Gastgeber der Konferenz. «Das Resultat des Marxismus waren Millionen von staatlich verordneten Morden weltweit, insbesondere in der Sowjetunion und in China, der Mord an einem hohen Anteil der Bevölkerung von Kambodscha sowie Tötungen und Unfreiheit in einem grossen Teil der Welt. Es ist schwer verständlich, dass der Geist von Marx, – zwar unter anderen Bezeichnungen – heute noch immer weiterlebt.»

Die Internationale Gottfried von Haberler Konferenz wird alljährlich von der European Center of Austrian Economics Foundation (ECAEF) ausgerichtet und fand in diesem Jahr bereits das 14. Mal in Folge statt. Sie endete am Freitagabend mit dem traditionellen Empfang auf Schloss Vaduz …

Lesen sie den gesamten Beitrag hier ->
Marxens Mythos und Realität (lie:zeit, 27.5.2018)

War Marx Marxist?

Am 25. Mai 2018 veranstaltete die ECAEF in Vaduz (Liechtenstein) die 14. Internationale Gottfried von Haberler-Konferenz. Als Chair der 1. Session der präsentierte Karl-Peter Schwarz* die folgende Einleitung:

War Marx Marxist?

Die Geschichte des Marxismus beginnt mit einem Satz, den Karl Marx 1845 als elfte der sogenannten Feuerbach-Thesen verfasste: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern“. Dieser Satz bezeichnete den Beginn seines philosophischen Unternehmens. Drei Jahre später sollte er das Kommunistische Manifest veröffentlichen.
Marx war in vielerlei Hinsicht ein einzigartiger Denker. Vor ihm hatte noch kein Philosoph, geschweige denn ein Ökonom, seine Ideen zur Veränderung der Welt zu einem regelrechten politischen Programm konkretisiert. Die Umsetzung dieses Programms hat mehr als hundert Millionen Menschen das Leben gekostet. In Nordkorea, in Kuba, in Venezuela und in anderen sozialistischen Ländern wird in seinem Namen immer noch gefoltert und gemordet. Wo immer Marxisten herrschten, hinterließen sie eine soziale, wirtschaftliche und kulturelle Wüste.

Gottfried-von-Haberler Conference 2018
14. Gottlieb von Haberler-Konferenz in Vaduz, Liechtenstein. Thema: Mythos Marx.

„Ideas have consequences“. Die Folgen seiner Ideen liegen so klar und deutlich vor aller Augen wie bei keinem anderen ideologischen Rattenfänger. Wie ist es dann möglich, dass die Philosophie dieses Mannes anlässlich seines 200. Geburtstages immer noch als ein intellektuell höchst respektabler, ja geradezu unverzichtbarer Bestandteil des Bildungskanons betrachtet wird? In den Studienplänen der amerikanischen Universitäten rangiert Marx mit dem „Kommunistischen Manifest“ an erster Stelle, gefolgt von Adam Smith und Paul Krugman. (1) Die New York Times veröffentlichte einen Artikel unter dem Titel „Happy Birthday, Karl Marx! You were right“ (2). Anerkennende Nachrufe erschienen in renommierten Tageszeitungen. Nicht einmal die Frankfurter Allgemeine Zeitung ersparte ihren Lesern gröbsten Unsinn über Karl Marx (3). In Deutschland schlug sich sogar ein katholischer Erzbischof auf die Seite der Marx-Apologeten, und – aber das war wohl nicht anders zu erwarten – auch EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker.
Die Methode der Marx-Verteidiger ist nicht neu. Unangenehme Passagen, etwa jene über die Notwendigkeit der Diktatur des Proletariats oder der Gewalt als Geburtshelferin der neuen Gesellschaft, werden entweder überhaupt außer acht gelassen oder relativiert; unverfänglichere Sätze, meist aus den Frühschriften, werden in den Vordergrund gerückt.
Das gelingt allerdings nur, wenn man sein Gesamtwerk in drei Teile zerlegt und behauptet, dass sie nichts miteinander zu tun hätten (4):
1. Das Frühwerk mit den Pariser Manuskripten
2. Die ökonomischen Schriften (Grundrisse, Kapital, Theorien über den Mehrwert)
3. Die politischen Schriften (Kommunistisches Manifest, Bürgerkrieg in Frankreich, Kritik des Gothaer Programms)
Der österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann wagte zum Beispiel unter Berufung auf die ökonomischen Schriften die Behauptung, Marx „wäre der Letzte gewesen, der geglaubt hätte, den Kapitalismus brächte man durch eine bewusste und willentlich herbeiführte Revolution ins Grab“ (5). Aber eben das hat Marx geglaubt, wie sich an Hand seiner Schriften leicht belegen lässt. Und natürlich hat das auch Wladimir Iljitsch Lenin geglaubt, der Marx absolut nicht missverstanden, sondern völlig richtig interpretiert hat.
Mit dem „Kapital“, seinem wichtigsten theoretischen Werk, glaubte Karl Marx eine unumstößliche, „wissenschaftliche“ Grundlage des Sozialismus geschaffen zu haben, die revolutionäres Handeln überhaupt erst legitimierte. Carl Schmitt hat die Konsequenz dieser „Verwissenschaftlichung“ richtig erfasst :
„Erst als er sich wissenschaftlich wußte, (konnte) der Sozialismus … sich ein Recht auf Gewaltanwendung zusprechen … Der überzeugte Marxismus ist sich bewusst, die richtige Erkenntnis sozialen, ökonomischen und politischen Lebens und eine daraus sich ergebende richtige Praxis gefunden zu haben“ (6)
Träger dieser Erkenntnis sind die Kommunisten, denn – so steht es im Kommunistischen Manifest – „sie haben theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus.“
Carl Schmitt präzisiert die auf Hegel beruhende marxistische Rechtfertigung der führenden Rolle der Kommunisten und ihrer Diktatur:
„Der Weltgeist faßt sich auf der jeweiligen Stufe seiner Bewußtheit zunächst immer nur in wenigen Köpfen. … Immer wird es einen Vortrupp des Weltgeistes geben, eine Spitze der Entwicklung und der Bewußtheit, eine Avantgarde, die das Recht zur Tat hat, weil sie die richtige Erkenntnis und Bewußtheit hat.“ (7)
Es ist wohl diese auf die Spitze getriebene „verhängnisvolle Anmaßung von Wissen“, um mit Friedrich August von Hayek zu sprechen (8), die den Marxismus für Generationen von Intellektuellen so attraktiv machte. Aber sie allein reicht nicht aus, um seine anhaltende Popularität zu erklären.
Als „marxistisch“ firmieren heute unterschiedliche, oft gegensätzliche ideologische und politische Strömungen, die wenig mehr miteinander gemein haben, außer dem allgemeinen Bekenntnis zu Marx und der Selbsteinschätzung, über den richtigen Schlüssel zur Veränderung der Welt zu verfügen.
Der Begriff „Marxisten“ wurde erstmals 1872 von Bakunin und seinen Anhängern geprägt. Die Anarchisten gebrauchten ihn durchwegs pejorativ. Sie warfen Marx und dessen Gefolge in der Ersten Internationale einen „autoritären Sozialismus“ vor. Marx, behaupteten sie, habe den Gedanken der Freiheit innerhalb der Arbeiterklasse demselben pangermanischen Autoritarismus ausgeliefert, den Bismarck im deutschen Bürgertum verankert habe. Der damals ebenfalls gebrauchte, sehr treffende Begriff des „Bismarxismus“ ist leider längst in Vergessenheit geraten. (9)
Fast alle Marx-Apologeten, die den Zusammenhang zwischen der marxistischen Lehre und den katastrophalen Folgen ihrer Umsetzung leugnen, berufen sich dabei auf einen Satz von Karl Marx, der sich nicht in seinen Schriften findet, sondern von Friedrich Engels in zwei Briefen an Eduard Bernstein und Conrad Schmidt zitiert wird. Er lautet: „Tout ce que je sais, c’est que je ne suis pas Marxiste“. Aus dem Kontext geht hervor, dass sich Marx damit nicht generell von seinen Anhängern, sondern nur von einer bestimmten Gruppe französischer „Marxisten“ (Engels setzt das Wort unter Anführungszeichen) distanzierte, denen er die Entstellung seiner Lehre vorwarf. (10)
Karl Marx starb 1883. Geprägt hatte ihn das Zeitalter der französischen Revolutionen, das von 1789 über 1830 und 1848 bis zur Pariser Kommune von 1871 währte. Die liberale Ära des späten 19. Jahrhunderts hatte die Hoffnungen der Anarchisten und der Sozialisten auf einen Aufstand der Arbeiterklasse und den gewaltsamen Sturz der bestehenden Verhältnisse enttäuscht. Das war die erste große Niederlage des revolutionären Marxismus. In der Zweiten Internationale, die nach Marx’ Tod 1889 gegründet wurde, setzte sich ein verbal radikaler, aber in der politischen Praxis moderater, nationalstaatlich orientierter und mit dem Parlamentarismus kompatibler „Marxismus“ durch, der bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges Schiffbruch erlitt – das war die zweite Niederlage. Erst die Zerstörung der liberalen Ordnung im und nach dem Ersten Weltkrieg bot den marxistischen Revolutionären in Russland die Chance, das Programm ihres Meisters aus Deutschland umzusetzen.
Es muss an dieser Stelle daran erinnert werden, dass die ökonomische Lehre von Karl Marx, die auf der Arbeitswerttheorie beruht, schon lange vor dem Ersten Weltkrieg von Eugen von Böhm-Bawerk widerlegt worden war (11). Als der Russische Bürgerkrieg zu Ende ging, noch zu Lebzeiten Lenins, demontierte Ludwig von Mises 1922 den Marxismus systematisch in einer umfangreichen Untersuchung, die unter dem Titel „Die Gemeinwirtschaft“ erschien. Damals war es keineswegs ausgemacht, dass es dem kapitalistischen Westen gelingen würde, die revolutionäre Flut einzudämmen. Mises wagte keine Prognose, aber es war ihm völlig klar, welche Folgen ein Sieg des Sozialismus haben würde:
„Bleibt die Herrschaft des Sozialismus über die Geister unerschüttert, dann wird in kurzer Zeit das gesamte Kooperativsystem der europäischen Kultur, das mühsam durch die Arbeit von Jahrtausenden aufgebaut wurde, zertrümmert sein. Denn die sozialistische Gesellschaftsordnung ist undurchführbar. Alle Bestrebungen, den Sozialismus zu verwirklichen, führen nur zur Zerstörung der Gesellschaft.“ (12)
Marx hatte den „Proletariern aller Länder“ als Endziel die Aufhebung der Geschichte in einer klassenlosen Gesellschaft in Aussicht gestellt, in der alle „heute dies, morgen jenes … tun, morgens … jagen, nachmittags … fischen“ (13). Diese Weltidylle setzte allerdings die Etappe der „Diktatur des Proletariats“ voraus, in der ein von allen rechtlichen Fesseln befreitet totaler Staat „gewaltsam die alten Produktionsverhältnisse aufhebt“. Marx erwartete sich, dass dieser diktatorische Arbeiterstaat den Wohlstand gewaltig steigern und die materiellen Voraussetzungen der klassenlosen Gesellschaft schaffen würde. Tatsächlich bewies das sowjetische Experiment, dass der Sozialismus nicht einmal in der Lage ist, die Bevölkerung mit den nötigsten Konsumgütern zu versorgen, weil eine ökonomische Nutzung der Ressourcen das Privateigentum und die marktwirtschaftliche Preisbildung voraussetzt. Permanenter Terror war nötig, um den Widerstand gegen das Regime auszumerzen. Der Staat starb nicht nur nicht ab, er wurde immer brutaler und totalitärer.
Als die russischen Kommunisten das Ausmaß ihres sowjetischen Debakel nur noch notdürftig verbergen konnten, kamen ihnen zuerst die Faschisten, dann die Nationalsozialisten zur Hilfe. Zahlreiche Intellektuelle schlossen sich den Kommunisten an, weil sie sich von der Sowjetunion die wirksamste Unterstützung für den Kampf gegen Hitler, Mussolini und Franco erhofften. Erschüttert mussten sie erleben, wie sich eine stalinistische Blutspur quer durch das antifaschistische Lager zog, zuerst in Spanien, dann in Jugoslawien und in allen anderen Ländern, in denen sich bürgerliche Antifaschisten dem Führungsanspruch der Kommunisten nicht bedingungslos unterwarfen. Solange die Antihitler-Koalition Bestand hatte, genoss Stalin auch im Westen eine heute fast unverständliche Verehrung. Aber während sich der rote Terror nach dem Zweiten Weltkrieg in Russland fortsetzte und auf ganz Osteuropa übergriffe, erlosch die Anziehungskraft des Marxismus-Leninismus auf die Linke in Westeuropa und Amerika. Was 1989 endgültig zu Grabe getragen wurde, war nur noch die Asche einer einstmals revolutionären Ideologie.
Aber damit war die Geschichte des Marxismus nicht zu Ende. Das Erbe von Karl Marx ging von Lenin auf Antonio Gramsci über. Gramsci gehörte 1921 zu den Gründern der kommunistischen Partei Italiens. Während des Ersten Weltkrieges hatte er den Interventionismus Mussolinis unterstützt, weil er sich vom italienischen Kriegseintritt die Niederlage des bürgerlichen Staats und den Sieg der Revolution erwartete. Gramscis Kommunisten und Mussolinis Faschisten gingen beide aus dem italienischen Sozialismus hervor und waren sich einig in der Gegnerschaft zum liberalen Staat. Ähnlich wie später die deutschen Kommunisten, die Hitler unterschätzten und sich auf den Kampf gegen die Sozialdemokratie konzentrierten, hielten sich auch die italienischen Kommunisten an das Programm der Dritten Internationale und begünstigten auf diese Weise die Machtergreifung Mussolini.
In einem faschistischen Gefängnis hatte Gramsci jedoch bald Zeit und Muße, die revolutionäre Strategie zu überdenken. Er kam zu dem Ergebnis, dass die Kommunisten im Westen nicht wie in Russland in einem Staatsstreich die Macht übernehmen könnten, sondern zuerst eine öffentliche Meinung herstellen mussten, die der sozialistischen Umwandlung förderlich wäre. Dazu müssten sie nach und nach die Führungspositionen in den Bildungseinrichtungen und in den Medien erobern. Dieses Konzept der „kulturelle Hegemonie“ wurde während der sogenannten eurokommunistischen Wende von den italienischen, dann auch von den spanischen und den französischen Kommunisten wiederentdeckt, die sich vom Sowjetkommunismus abgrenzen wollten. Es ging aber auch in die Strategie der der neomarxistischen, außerparlamentarischen Linken ein, die in den siebziger Jahren die Studentenbewegung dominierten (14). Gramsci stand am Beginn des „langen Marsches durch die Institutionen“, der sich zuerst an den Hochschulen, aber bald auch in den Medien durchsetzte.
Mit dem orthodoxen Marxismus leninistischer Prägung hat dieser „Kulturmarxismus“ nur noch wenig gemein, obwohl sich einige seiner Anhänger durchaus noch als „Marxisten“ verstehen (15). Manche nennen sich Grüne, manche Sozialdemokraten, andere sogar Liberale. Was sie eint, ist die Ablehnung des Kapitalismus. Die meisten von ihnen leugnen zwar nicht mehr, dass die marktwirtschaftliche Ordnung der planwirtschaftlichen überlegen ist, aber sie bestehen auf einer weitgehenden politischen Kontrolle, die das Privateigentum praktisch aushebelt. Sie wollen Staat, Banken und Big Business nicht umwälzen, sondern in Instrumente zur Durchsetzung ihrer Werte und zur Verankerung ihrer kulturellen Hegemonie verwandeln. Diese Umwertung der überlieferten Werte ist ihnen im wesentlichen gelungen. Sie sind überzeugt davon, dass die Rettung der Welt ihre Aufgabe ist, und dass sie allein dazu bestimmt sind, weil sie allen anderen die richtigen Ideen voraus haben. Sie fühlen sich berechtigt, Sprech- und Denkverbote zu erteilen. Zu ihren bleibenden Erfolgen zählt die nahezu lückenlose Durchsetzung der sogenannten „political correctness“. Der klassische Marxismus ist ihnen fremd geworden, aber die Anmaßung von Wissen ist ihnen geblieben.

 

Anmerkungen:

(1) https://www.marketwatch.com/story/communist-manifesto-among-top-three-books-assigned-in-college-2016-01-27
(2) https://www.nytimes.com/2018/04/30/opinion/karl-marx-at-200-influence.html
(3) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/jubilaeumsjahr-2018-so-liberal-war-marx-15574465.html
(4) Fleißige Marxisten haben fast alle Werke von Karl Marx und Friedrich Engels digitalisiert. Man findet sie im Internet unter http://www.mlwerke.de/me/default.htm
(5) Konrad Paul Liessmann, Totgesagte leben länger. Karl Marx und der Kapitalismus im 21. Jahrhundert; Hanser 2015
(6) Carl Schmitt, Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen Parlamentarismus, Duncker & Humblot 1926, S. 65
(7) Ebd. S. 70
(8) Friedrich A. v. Hayek: Die verhängnisvolle Anmaßung. Die Irrtümer des Sozialismus. Mohr Siebeck 2011
(9) James H. Billington, Fire in the Minds of Men. Origins of the Revolutionary Faith. Transaction Publishers, 2007
(10) Engels an Eduard Bernstein, 2./3. November 1882: „Nun ist der sog. “Marxismus” in Frankreich allerdings ein ganz eignes Produkt, so zwar, daß Marx dem Laffargue] sagte: ce qu’il y a de certain c’est que moi, je ne suis pas Marxiste.“
Engels an Conrad Schmidt, 5. August 1890: „Auch die materialistische Geschichtsauffassung hat deren heute eine Menge, denen sie als Vorwand dient, Geschichte nicht zu studieren. Ganz wie Marx von den französischen “Marxisten” der letzten 70er Jahre sagte: ,Tout ce que je sais, c’est que je ne suis pas Marxiste’.“
(11)Eugen von Böhm-Bawerk: Zum Abschluß des Marxschen Systems. In: Staatswissenschaftliche Arbeiten. Festgaben für Karl Knies, Berlin 1896, S. 87-205. https://www.marxists.org/deutsch/referenz/boehm/1896/xx/vorbemerk.htm
(12) Ludwig von Mises, Die Gemeinwirtschaft. Untersuchungen über den Sozialismus. Verlag Gustav Fischer, 1922; S. 498 (http://docs.mises.de/Mises/Mises_Gemeinwirtschaft.pdf)
(13) Karl Marx, Die deutsche Ideologie. 1846 (http://mlwerke.de/me/me03/me03_017.htm)
(14) Zu Gramsci in der italienischen Linken: Augusto Del Noce, Il suicidio della rivoluzione. Rusconi, 1978. S. 253-320
(15) Paul Gottfried, The Strange Death of Marxism. The European Left in the New Millenium. University of Missouri, 2005

Gottfried von Haberler Konferenz 2018 – erste Eindrücke

Gottfried von Haberler Konferenz 2018 – erste Eindrücke von Peter A. Fischer, veröffentlicht in Neue Zürcher Zeitung, 25. 5. 2018

Gottfried Haberler Conference 2018 Zuricher Zeitung Peter A Fischer
Gottfried Haberler Conference 2018, Neue Züricher Zeitung, Peter A Fischer

Dem langen Schatten
des Karl Marx entgegentreten

Die vielen Veranstaltungen zeigen es: Der Mythos Karl Marx ist vielenorts ungebrochen. An der vom Fürstenhaus unterstützten Haberler-Konferenz im liechtensteinischen Vaduz hat deshalb der Historiker Timothy Garton Ash zu einer schonungslosen Geschichtsaufarbeitung aufgerufen – ganz besonders in Osteuropa.

Der real praktizierte Marxismus-Leninismus hat sich weltweit als ökonomische Katastrophe erwiesen, und der mit ihm verbundene Terror blinder Eiferer hat Millionen von Menschenleben gefordert. Dennoch scheint der Mythos des Karl Marx zweihundert Jahre nach dessen Geburt ungebrochen. Für das liberale European Center for Austrian Economics war das Grund genug, die 14. Gottfried-von-Haberler-Konferenz in Vaduz dem Thema zu widmen.

Entfaltung statt Zwang und Gewalt

Der in Spanien lehrende Pedro Schwartz zeigte unzweideutig auf, wie die von Marx und Engels im kommunistischen Manifest formulierten Thesen von ökonomisch falschen Annahmen ausgehen: Kapitalismus führt keineswegs zur Verelendung der Massen. Der Einsatz von Kapital und zunehmendem Wissen ermöglicht vielmehr technologischen Fortschritt, von dem gerade auch die Arbeitnehmer profitieren; Marx historischer Determinismus ist nicht aufrechtzuerhalten …

Weiterlesen -> Peter A. Fischer, Zürcher Zeitung

Hardy Bouillon, Wählerische Selektionen

hardy bouillon wahlerische selektionenNeu erschienen in unserer ECAEF-Buchreihe “Studien zur Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung”: Wählerische Selektionen von Hardy Bouillon.
Das Buch ist eine Einführung in die Theorie negativer Selektion. In ihr geht Hardy Bouillon einer Denkfigur nach, die ihn zu den Hauptvertretern der Austrian School of Economics führt; aber nicht nur zu diesen, sondern auch zu anderen bedeutenden Denkern, die bis auf wenige Ausnahmen dem Klassischen Liberalismus zuzurechnen sind. Auf seinem Weg gelangt er zu einer neuen Interpretation der Selektionsprozesse in Natur und Gesellschaft.

“Wählerische Selektionen” verknüpft ideenhistorische Forschungen mit philosophischen Fragestellungen, welche dem besseren Verständnis des Phänomens der Selektion gelten. Im Mittelpunkt der Abhandlung stehen die Theorie negativer Selektion und deren geistige Vorläufer. Das Buch  ist eine Mischung aus rund 200 Seiten Ideengeschichte, 100 Seiten Spieltheorie und 50 Seiten Handlungstheorie. Die entsprechenden Kapitel erfüllen naturgemäß unterschiedliche Aufgaben.

Zum Inhalt des Buches

Aus Sicht des Autors erfordert die Theorie negativer Selektion die Aufgabe manch lieb gewordener Sichtweisen und den Bruch mit dem gängigen Paradigma zum Verhältnis von Evolution und Selektion. In einer ausführlichen Einleitung (Kapitel 1) werden das Grundthema und die notwendigen begrifflichen Unterscheidungen „angestimmt“ und dargelegt, welche Kriterien die anschließenden Ausflüge in die Ideengeschichte ausgelöst haben (Kapitel 2).
Diese Ausflüge führen in die Ideenwelten von Hume, Darwin, Menger, Böhm-Bawerk, Mises, Popper und Hayek – um die wichtigsten zu nennen. Sie dienen der kritischen Würdigung der Vorläuferideen, die dem Autor den Weg zur Theorie negativer Selektion maßgeblich bahnten. Viele der genannten Autoren bieten teils übereinstimmende bzw. komplementäre und teils konträre Denkfiguren, die im Vorfeld der Theorie negativer Selektion eine Rolle spielen.

So kann man bei Hume eine Reihe von Beispielen ausmachen, die helfen, das rivale Verhältnis handlungskonstitutiver Kategorien zu illustrieren; z.B. das Verhältnis zwischen Beweggründen, Gemüt und Umständen oder das Verhältnis zwischen den Leidenschaften.
Darwin hingegen gibt ein gutes Beispiel für die nach wie vor dominierende Auffassung und deren Nachteile ab, die entstehen, wenn man negative Selektionen als Produkte und nicht als Prozesse versteht. (Im vorliegenden Buch werden negative Selektionen ausschließlich als Prozesse verstanden.) Er gibt aber auch ein gutes Beispiel für die Schwierigkeiten ab, die entstehen, wenn man Selektionen mithilfe der mutmaßlichen Vorteilhaftigkeit des Ergebnisses zu erklären versucht und nicht, wie in diesem Buch, mit der mangelnden Nachteilhaftigkeit.

Der Blick auf Menger und Böhm-Bawerk hat den für die Theorie negativer Selektion nicht hoch genug einzuschätzenden Vorteil, das Prinzip der Konkurrenzgemengelage erläutern zu können, das jeder negativen Selektion zugrunde liegt. Er hat zudem den Vorteil, den Prototypen einer einfachen allgemeinen Handlungstheorie sichtbar werden zu lassen. Der Blick auf Mises macht deutlich, dass es notwendig ist, diesen Prototypen weiterzuentwickeln, lässt aber auch erkennen, dass die von Mises vorgeschlagene Praxeologie nicht jene Weiterentwicklung ist, die im Rahmen der Theorie negativer Selektion geboten zu scheint.

Das Unterkapitel zu Popper zeigt indes, wie Interaktionen zwischen positiven und negativen Selektionen gedacht werden können. Es zeigt auch – wie das Unterkapitel zu Darwin –, dass nach wie vor die Auffassung dominiert, negative Selektionen als Produkte und nicht als Prozesse zu verstehen, und dass die Verwechslung von Prozess und Produkt Anlass zu Fehldeutungen bietet. So wird z.B. in Poppers Wissenschaftstheorie in der Regel ein Paradebeispiel für die Theorie negativer Selektion gesehen. Diese Sichtweise hat ihre Berechtigung, wenn man die Produktperspektive einnimmt und auf die Eliminierung falsifizierter Theorien verweist. Aus der Prozessperspektive heraus betrachtet haben wir es jedoch mit einem Beispiel zu tun, das als eine positive Selektion zu deuten ist. Schließlich ist Poppers Methodologie eine erdachte Entscheidungsmethode mit klar umrissenen Kriterien, die festlegen, wann Theorien als falsifiziert auszusehen sind.

Das Unterkapitel zu Hayek legt offen, dass die Sensory Order als die wichtigste Vorstufe zur Theorie negativer Selektion anzusehen ist. Leider war es Hayek nicht vergönnt, seine darin geäußerte Auffassung weiterzuentwickeln; sehr zu seinem Leidwesen, weil dieselbe, wie er es formulierte, „the foundation of all my thinking“ war. Die Hoffnung, mithilfe seines Freundes Popper, den von beiden übereinstimmend als ihre gemeinsame Grundposition bezeichneten „Negativismus“ vorantreiben zu können, scheiterte an Poppers mangelndem Interesse. Zu diesem Schluss führt das Unterkapitel, das dem Briefwechsel von Popper und Hayek gilt.
Kapitel 3 nimmt eine Sonderrolle ein. Es beschäftigt sich mit dem Zahlenrätsel Sudoku. Insofern betreibt es „Spieltheorie“ im weiten Sinne. Der Grund, warum diesem Zahlenrätsel ein so umfangreiches Kapitel gewidmet wurde, liegt in der Anschaulichkeit, mit der die Charakteristik negativer Selektionen erläutert werden kann. Er liegt ferner in der Unbestechlichkeit, die jeder Methode eigen ist, die das zu Zeigende allein mittels logisch-mathematischer Schlussfolgerungen ableitet.

Kapitel 4 dient dem Ziel, die über die Vorkapitel verteilten Gedankenstränge hinsichtlich einer einfachen allgemeinen Handlungstheorie (EAH) zu bündeln, systematisch zusammenzuführen und anhand eines anschaulichen Beispiels zu illustrieren. Es zeigt, wie das menschliche Handeln im Rahmen der Theorie negativer Selektion als ein Prozess konsekutiver und sequentieller Bedürfnisbefriedigung gedeutet werden kann und wie man die EAH in eine empirisch überprüfbare Theorie überführen kann.

Hardy Bouillon Waehlerische Selektionen

ECAEF Studien zur Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, Bd. 11
Hardy Bouillon
Waehlerische Selektionen
Einführung in die Theorie negativer Selektionen
ISBN: 978-3-942239-19-6
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Wählerische Selektionen –
Leitgedanken des Buches

Der Autor geht – wie Hayek auch – davon aus, dass die wahrnehmbare Welt aus Ereignissen besteht, und nicht aus Objekten; dass wir Phänomene erkennen, und nicht Dinge. Er nimmt – wie Hayek auch – ferner an, dass die Phänomene der Welt das Ergebnis von Selektionsprozessen sind.

Eine zentrale These des Buches ist, dass derlei Selektionsprozesse zwei Grundformen annehmen können: Sie können entweder in Form einer positiven Selektion auftreten oder in der einer negativen Selektion. Das Ziel des Buches ist, diese beiden Formen zu charakterisieren und darzulegen, dass die negative Selektion der positiven Selektion (entwicklungsgeschichtlich) vorausgeht.
Eine einfache Form, die beiden o.g. Grundtypen der Selektion zu unterscheiden, bietet folgende Distinktion: Ein Ereignis erfolgt im Rahmen einer positiven Selektion, wenn es aufgrund der Selektion eintreten muss und aufgrund der Selektionskriterien an keiner anderen Stelle erfolgen kann. Ein Ereignis erfolgt im Rahmen einer negativen Selektion, wenn aufgrund der Selektion irgendein Ereignis eintreten muss und aufgrund der Selektionskriterien kein optionales Ereignis eintreten kann.

Beispiele positiver Selektionen kennen wir zuhauf. Für sie ist typisch, dass es einen oder mehrere Urheber bzw. Ursachen gibt, die konstitutiv sind. Typisch ist auch, dass die Selektionskriterien entweder offenliegen oder zumindest rekonstruierbar oder gar identifizierbar sind. Charakteristisch ist außerdem, dass die Selektionskriterien das Ergebnis eindeutig bestimmen.
Wenn man davon ausgeht, dass alle (wahrnehmbaren) Ereignisse der Welt Ergebnisse von Selektionsprozessen sind, dann ist klar, dass nicht alle Selektionsprozesse im Sinne menschlich intendierter positiver Selektionen ablaufen können; allein schon deshalb nicht, weil viele dieser Prozesse vor unserer Zeit stattgefunden haben.
Zur Charakterisierung aller nicht-intendierten positiven Selektionen verbleiben somit nur zwei Denkfiguren. Die eine geht davon aus, dass jede positive Selektion einen anderen Urheber als den Menschen hat. Sie ist mit den gängigen Schöpfungsideen vereinbar, die eine übernatürliche Instanz als Urheber aller Entwicklungsprozesse vermuten.

Die andere Denkfigur geht davon aus, dass es Selektionsprozesse gibt, die gar keinen schöpferischen Urheber voraussetzen und daher auch nicht „positiv“ zu nennen sind. Sie steht eher der Evolutionstheorie nahe, die keine übernatürliche Instanz als Urheber aller Entwicklungsprozesse vermutet.
In unserem Buch spielt die erste der beiden verbleibenden Denkfiguren keine Rolle; ganz einfach deshalb nicht, weil sie nicht zur Theorie negativer Selektion führt. Bei der zweiten Denkfigur liegen die Dinge anders. Sie führt zu dieser Theorie. Um dies zu tun, muss sie allerdings einige Fragen klären. Sie muss (1) klären, was mit einer negativen Selektion gemeint ist. Sie muss (2) offenlegen, unter welchen Bedingungen ein einzelnes Ereignis im Rahmen einer negativen Selektion zustande kommen kann. Und sie muss (3) zeigen, unter welchen Bedingungen mehrere einzelne bzw. komplexe Ereignisse im Rahmen einer negativen Selektion zustande kommen können.

Der ersten Aufgabe wird man sehr gut mithilfe des Zahlenrätsels „Sudoku“ (Kap. 3) gerecht. Sudoku illustriert gleichermaßen, was es heißt, ein Ereignis (hier eine Ziffer) positiv zu bestimmen, und was es bedeutet, ein Ereignis (eine Ziffer) negativ zu bestimmen. Im einen wie im anderen Fall stellen die Ausgangsziffern die konstitutiven Bedingungen zur Ermittlung weiterer Ziffern dar. Die Art und Weise, in der sie das Ergebnis verursachen, ist jedoch verschieden. Im Falle einer positiven Bestimmung muss die gesuchte Ziffer x Feld y einnehmen, weil sie regelgemäß sonst nirgends hin kann, aber irgendwo hin muss. Im Fall einer negativen Bestimmung muss die gesuchte Ziffer x Feld y einnehmen, weil regelgemäß keine andere optionale Ziffer dort sein kann, aber irgendeine Ziffer dort sein muss.

Auch der dritten Aufgabe wird man mithilfe von Sudoku sehr gut gerecht. Sudoku illustriert sogenannte Dominoeffekte, bei denen eine negative Selektion die Folgeselektion einer vorangegangenen negativen Selektion bildet. Sudoku zeigt, welche Bedingungen solchen Dominoeffekte zuträglich, und welche ihnen abträglich sind.
Sudoku kann zwar auch herangezogen werden, um die zweite Aufgabe in Angriff zu nehmen. Es zeigt z.B., dass ein Ereignis im Rahmen negativer Selektion erst eintritt, wenn ein bestimmter Schwellenwert erreicht wird. Es zeigt auch, dass dieser Schwellenwert von einer oder mehreren Kategorien ausgelöst werden kann und von den Eigenschaften der Kategorien abhängt.
Der eigentliche Auslöser zur Lösung dieser zweiten Aufgabe bildeten allerdings die Ausführungen, die Menger und Böhm-Bawerk vorlegten, um die Grenznutzentheorie zu erklären. Auch die Anschaulichkeit dessen, was Sudoku erklärt, gewinnt, wenn man auf Menger und Böhm-Bawerk zurückgreift. Im Rahmen der Grenznutzlehre zeigt sich, dass die Auswahl einer menschlichen Handlung zur Befriedigung eines gegebenen Bedürfnisses nicht nur von dem Bedürfnis als solchem und dem Rang, den es in der Hierarchie der Bedürfnisse einer Person hat, abhängt, sondern auch von der akuten Intensität, mit der das Bedürfnis zur fraglichen Zeit empfunden wird.

Illustrieren wir das Gesagte an einem einfachen Beispiel. Die Selektion einer Handlung hängt zunächst davon ab, dass die auslösende Ursache einen gewissen Schwellenwert überschritten hat. Dieser Schwellenwert kann mittels einer Dimension erreicht werden. (Wir essen erst, sobald wir hungrig genug sind.) Er kann aber auch erreicht werden, indem zwei oder mehrere Dimensionen zusammenwirken. (Wir essen, auch wenn wir nicht sehr hungrig sind, weil der Kellner uns ein Tablett mit leckeren Canapés anbietet.) Ob mit Erreichen des Schwellenwerts die bedürfnisbefriedigende Handlung vollzogen wird, hängt auch von der Konkurrenz ab, in der die Bedürfnisbefriedigung mit anderen Bedürfnisbefriedigungen steht. (Wir greifen lieber zu einem Gläschen Sekt, das uns die ebenfalls vorbeikommende Kellnerin reicht.)
Im Buch wird dafür plädiert, dem Regelfall einer negativen Selektion mindestens drei Kategorien zu unterstellen. Diese drei Kategorien erhalten die Namen Ordinalität, Intensität und Opportunität. Die Namensgebung wurde in Anlehnung an die Ausgangsüberlegungen der Grenznutzentheorie getroffen. Gemeint sind der ordinale Rang eines Bedürfnisses in der Bedürfnishierarchie, die Intensität, mit der das Bedürfnis akut empfunden wird, und die Gelegenheit (die Opportunität), ein geeignetes Mittel zur Bedürfnisbefriedigung zu haben.

Der Vorschlag zur begrifflichen Verallgemeinerung macht es möglich, (1) den Weg zu einer einfachen allgemeinen Handlungstheorie einzuschlagen. Er eröffnet (2) die Möglichkeit zu einer allgemeineren Darstellung der Theorie negativer Selektion.
(Ad 1) Bezogen auf die im Buch vorgeschlagene einfache allgemeine Handlungstheorie kann man sagen: Eine menschliche Handlung wird ausgewählt, wenn eine menschliche Handlung stattfinden muss, aber keine optionale Handlung infrage kommt. Welche Handlung als Selektionsergebnis infrage kommt, wird durch die Gemengelage der Konkurrenzverhältnisse bestimmt, die innerhalb und zwischen jenen Kategorien bestehen, die als konstitutive Bedingungen der Handlung im Spiel sind. Aufgabe einer empirisch ausgerichteten Handlungstheorie muss es folglich sein, die Gemengelage der Konkurrenzverhältnisse im betrachteten Fall zu identifizieren.
(Ad 2) Mithilfe einer allgemeineren Darstellung der Theorie negativer Selektion kann man die Theorie auch auf andere Anwendungsgebiete auszuweiten, die nichts mit menschlichen Handlungen und deren Auswahl zu tun haben. Die allgemeinere Darstellung besagt, dass für negative Selektionen die Gemengelage der Konkurrenzverhältnisse, die zwischen und in den konstitutiven Kategorien bestehen, entscheidend ist. Diese Gemengelage stellt die Bedingung, ob ein Ereignis im Sinne einer negativen Selektion ausgewählt wird oder nicht.

Bedeutung und Nutzen des Buches

Bedeutung und Nutzen des Buches liegen (1) im wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn. Das gilt sowohl in ideenhistorischer als auch in philosophischer Hinsicht. Bedeutung und Nutzen des Buches liegen (2) im Herausstellen des außergewöhnlichen Beitrages, den Friedrich August von Hayek zur Theorie negativer Selektion geleistet hat. Sie liegen (3) in der systematischen Ausarbeitung einer einfachen allgemeinen Handlungstheorie (EAH), die an Überlegungen zentraler Figuren der Österreichischen Schule der Nationalökonomie anknüpft und über diese hinausführt.
Das Buch wendet sich nicht nur an jene, die Interesse an Hayek und anderen Vertretern der Österreichischen Schule der Nationalökonomie haben, sondern auch an jene, die sich mit Fragen der Genese im allgemeinen und Fragen des Verhältnisses von Evolution und Selektion im Besonderen befassen; sei es im Bereich der reinen Abstraktion oder im Felde passender Anwendungsfragen.
Der Autor geht davon aus, dass seine Thesen für all jene von Interesse sind, die wissen wollen, welchen Beitrag Hayek zur Theorie negativer Selektion geleistet hat. Insofern dürften für Hayek-Forscher sowie alle am Hayekschen Gedankengut Interessierten in erster Linie die Unterkapitel zu Hayek (2.6, 2.7) von Interesse sein. Die Bedeutung Hayeks für die Theorie negativer Selektion erschließt sich allerdings erst, wenn die genannten Unterkapitel im Zusammenhang mit den übrigen Teilen des 2. Kapitels gelesen werden.

Für die Gruppe der an Hayek Interessierten dürfte aber auch die erwähnte einfache allgemeine Handlungstheorie (EAH) von großem Interesse sein. Diese Theorie ist zwar in erster Linie auf die Überlegungen von Menger und Böhm-Bawerk zurückzuführen, und in gewisser Weise auch auf Ideen von Mises und Popper, aber ohne das Zutun Hayeks wäre sie wohl kaum zustande gekommen.
Die einfache allgemeine Handlungstheorie (EAH) besagt, dass alle menschlichen Handlungen konsekutiv und sequentiell ablaufen. D.h., ist eine Handlung im Gange, so ist sie das für eine bestimmte Sequenz und wird, sobald sie abgeschlossen ist, von einer anderen Handlung abgelöst. Dauer und Abfolge der Handlungen werden nach dem Prinzip negativer Selektion bestimmt. D.h., die im Gang befindliche Handlung ist jene, die dasjenige Bedürfnis befriedigt, das in der Konkurrenzgemengelage der handlungskonstitutiven Kategorien vorn liegt. Lässt im Zuge der Befriedigung die Intensität des Bedürfnisses nach, gewinnt eine alternative Bedürfnisbefriedigung im Selektionsprozess die Oberhand und löst damit die Anschlusshandlung aus. Diese wird wiederum solange ausgeführt, bis sie nach dem soeben geschilderten Muster von der nächsten Handlung abgelöst wird.

Vereinfacht gesprochen: Der Mensch handelt, weil er aufgrund seiner Konstitution handeln muss. Welche Handlung er akut ausführt, hängt von dem Bedürfnis ab, das er im Konkurrenzgemenge vorn liegt und von der Handlung befriedigt wird.


*Hardy Bouillon (*1960) studierte Philosophie und Kunstgeschichte in Albuquerque, Oxford und Trier, wo er heute als Außerplanmäßiger Professor lehrt. Gastprofessuren führten ihn nach Duisburg-Essen, Frankfurt, Prag, Salzburg, Wien und Zagreb. Zu seinen wichtigsten Publikationen zählen Ordnung, Evolution und Erkenntnis (1991), Freiheit, Liberalismus und Wohlfahrtsstaat (1997) und Wirtschaft, Ethik und Gerechtigkeit (2010). Bouillon gab zudem zahlreiche Sammelbände heraus, stellte Breviere zu Popper und Kant zusammen und verfasste viele Artikel in führenden Zeitungen, wie etwa FAZ oder NZZ. Hardy Bouillon gilt als einer der führenden liberalen Sozialphilosophen und ist seit 2017 Fellow an der Liechtenstein Academy.