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Vera Smith Lutz: Hausfrau, Ökonomin, Freigeist

Vera Smith Lutz; die Hayek-Schülerin fürchtete den Gestaltungsspielraum der Politik … Ein Beitrag von eigentümlich frei*, 24. September 2016

zentralbanken-ueberfluessigIn einem Free-Banking-System überflüssig: Zentralbanken Bildquelle: shutterstock

Friedrich Lutz. Dieser deutsche Ökonom leitete das Schweizerische Institut für Auslandsforschung. Er war Berater des Bundesministeriums für Wirtschaft. Er war Gründer und späterer Präsident der Mont Pelerin Society. Also: Ein bekannter Ökonom von Weltruf. Als er an die Universität Princeton berufen wurde, erkundigte er sich, ob seine Frau dort auch lehren konnte. Die Antwort: Sie durfte nicht einmal das Universitätsgebäude betreten.

Vera Smith Lutz (1912-1976) war nicht irgendjemand. Sie war eine direkte Schülerin von Friedrich August von Hayek in der London School of Economics. Bei ihm erarbeitete sie eine Dissertation im Jahr 1936: „The rationale of central banking“. Mit diesem Werk lieferte sie der modernen „Free Banking“-Bewegung ihre wissenschaftliche Grundlage.

Freie Banken kontra Zentralbanken

„Free Banking“ sieht Banken als ganz normale Unternehmen an. Und wie andere Unternehmen sollen sie lediglich den üblichen Vertragsregelungen unterliegen. Also: keine „Bailouts“, Mindestsicherungen oder garantierte Sparguthaben. Vera zeigte, wie eine solche Ordnung nicht nur effizienter als die granulare Bankenregulierung ist. Sie ist auch viel besser geeignet, die Risiken eines jeden Geldsystems zu verteilen und abzudämpfen.
Eine Konsequenz dieser Sicht ist, jede Bank sei für ihr eigenes Geld zuständig. Der Wettbewerb unter den Banken sei auch einer unter den jeweiligen Bankwährungen. Wie bei den anderen Geschäftszweigen würde das Zusammenspiel der Akteure im Marktprozess entscheiden, was eine gute, zuverlässige Bank und was ein risikoreiches Institut ist.
Eine zweite Konsequenz dieser Sicht ist: Es braucht keine Zentralbank. Das ist nach Vera Lutz ein wichtiger Schritt in Richtung Effizienz. Denn sie zeigt auf, wie Zentralbanken unabhängig von allen Unabhängigkeitsbekundungen vor allem politische Akteure sind. Zentralbanken sind zunächst um das Wohl des Staates bekümmert. Ihre Gewinne werden vom Staat privatisiert, ihre Verluste werden dem Volk überwälzt.

Wissenschaft kontra Diskriminierung

Ihr Zugang zu Princeton wurde nicht wegen des „Free Banking“ untersagt. Als Frau hatte sie da nichts zu wollen, so die damalige Befindlichkeit. Als Schülerin eines sehr obskuren Ökonomen aus Wien und London, Hayek, auch nicht. Dabei war sie kein Leichtgewicht. Denn vor Princeton arbeitete sie als Wissenschaftlerin und für den Völkerbund. Ihre Antwort? Sie setzte ihre wissenschaftliche Karriere fort – außerhalb staatlicher Universitäten.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zog das Ehepaar nach Zürich. Für Vera war es selbstverständlich, weiterhin am akademischen Leben teilzuhaben. Zusammen mit ihrem Ehemann schrieb sie Bücher wie „Monetary and Foreign Exchange Policy in ltaly“ (1950) und „The Theory of Investment of the Firm“ (1951). Sie übersetzte auch die Werke Röpkes und anderer ins Englische.
Doch vor allem ihre eigenen Arbeiten sind bemerkenswert. In „Italy, a Study in Economic Development“ (1962) identifizierte sie die italienische Wirtschaftspolitik als schlicht realitätsfremd. Großer Sozialstaat und große Bürokratie führen entweder in den Kommunismus oder ins Chaos, so Lutz. In „Central Planning for the Market Economy: An Analysis of the French Theory and Experience“ (1969) stellt sie klipp und klar fest: „Es gibt nichts, was wir von Frankreich lernen können.“

Abwägung kontra Extremismus

Als Fremde in Zürich traute sich Vera Lutz sogar, zur Einwanderung ausländischer Arbeitskräfte in die Schweiz zu schreiben. Anfangs stand sie der ungebremsten Zuwanderung sehr offen gegenüber. Natürlich. Ökonomin wünscht sich nicht den freien Verkehr von Produktionsfaktoren? Dann erkannte sie ein Problem. Je größer die Nominallohnunterschiede (!) zwischen den angestammten und den zugewanderten Arbeitskräften sind, desto mehr Druck entsteht auf politischer Ebene.
Für Vera Lutz war es dabei unerheblich, ob sich dieser Druck in Fremdenfeindlichkeit oder in Tarifverträgen (in der Schweiz heißen sie Gesamtarbeitsverträge) manifestierte. Sie erkannte in allen Formen des politischen Drucks massive Marktverzerrungen. Also stand sie vor der Frage: Marktverzerrung durch restriktive Zuwanderung oder Marktverzerrung durch politische Antworten auf die Zuwanderung? Sie meinte, die Transaktionskosten einer restriktiven Zuwanderung seien tiefer und rechtssicherer als die Kosten des politischen Drucks. Doch sie stellte auch fest: „Wissen kann ich das nicht. Aber ich fürchte um das Schlimmste, wenn man der Politik zu viel Gestaltungsspielraum gibt.“
Schlechte Bankenregulierung, fehgeleitete Industriepolitik und Verzerrungen des Arbeitsmarktes: Alle Probleme, denen sich Vera Smith Lutz widmete, sind von ungebrochener Aktualität. Auch ihre Antwort ist es: „Man muss die Logik der Freiheit finden – und abwägen.“


eigentümlich frei (ef) ist eine seit 1998 erscheinende politische Monatsschrift mit zehn Ausgaben pro Jahr. Ihre Positionen bezeichnet Herausgeber und Chefredakteur André F. Lichtschlag als individualistisch, kapitalistisch und libertär.