Frauen im Mises-Privatseminar

Frauen Mises Privatseminar / Henrique Schneider
Frauen Mises Privatseminar / Henrique Schneider.

Der folgende Beitrag erschien zuerst in ‘ef’ – eigentümlich frei, am 21. Februar 2018. Wir danken dem Autor Henrique Schneider für die Erlaubnis, ihn auf der ECAEF-Webseite ebenfalls veröffentlichen zu dürfen.

Geschichte durch die Brille der Freiheit

Frauen im Mises-Privatseminar

Das Mises-Privatseminar gilt zu Recht als Hort der Entwicklung und Systematisierung der österreichischen Schule. Was es aber auch war: Einer der ersten Orte der Frauen-Emanzipation in der akademischen Welt Österreichs.

Im Jahr 1878 wurde es den Frauen im kaiserlich-königlichen Imperium erlaubt, Vorlesungen als Gäste zu besuchen. Ab 1897 liessen die Universitäten Wien, Prag, Graz und Innsbruck Studentinnen zur philosophischen Fakultät zu, ab 1900 auch zum Medizinstudium, aber erst nach Ende des Ersten Weltkriegs erhielten sie 1919 Zutritt zur juristischen Fakultät, wo auch die Ökonomie untergebracht war. Doch schon 1920 nahmen Frauen am Mises-Privatseminar teil.

Zum Vergleich: 1893 konstituierte sich in Wien die Freie Vereinigung Sozialistischer Studenten. Im Zuge der Revolution 1918/19 gründeten sich auch in Innsbruck und Graz sozialistische Studierendenorganisationen. 1922 schlossen sich die Gruppen in Wien, Graz und Innsbruck dem – im Übrigen grossdeutsch orientierten – Verband Sozialistischer Studenten. Frauen konnten hier erst 1922 Mitglied werden. Und auch Hayek unterhielt einen Diskussionskreis – nur für Männer. Die Damen im Mises-Privatseminar apostrophierten das Hayek’sche Konstrukt ironisch „Geistkreis“. Sowohl Ludwig von Mises in seinen Memoiren als auch Gottfried von Haberler in seinen Erinnerungen an das Privatseminar nannten verschiedene Studentinnen und Ökonominnen als gleichberechtigte Teilnehmer. Beide scheinen dies aber nicht hoch zu gewichten. Für sie war es wohl „normal“, dass in einer akademischen Diskussion Frauen genauso wie Männer auftreten konnten. Wer waren dieser Frauen? Vier Kurzbiographien:

Die Wissenschaftlerin

Stephanie Martha Braun (1898 in Wien – 1990 in New York) studierte in Freiburg/Breisgau und promovierte als eine der ersten Frauen 1921 in Staatswissenschaften in Wien. Als Teilnehmerin am Mises-Privatseminar schrieb sie laufend Rezensionen, bank- und geldwirtschaftliche Beiträge sowie Beiträge zu wirtschaftspolitischen Fragen und veröffentlichte schliesslich ihre Theorie der staatlichen Wirtschaftspolitik (1929), der erste Versuch einer theoretische Begründung und Begrenzung von Wirtschaftspolitik in deutscher Sprache. Nach dem Anschluss emigrierte sie in die USA und veränderte dort ihren Namen zu Martha Steffy Browne. Zwischen 1947 bis 1969 arbeitete sie als Professorin im Brooklyn College. Nach ihrer Emeritierung war sie noch zwölf Jahre als Gastprofessorin an der New York University tätig.

Die Vielseitige

Helene Lieser (1898 in Wien – 1962 in Wien) studierte 1916 bis 1919 fünf Semester Philosophie an der Universität Wien, besuchte aber auch rechtswissenschaftliche Lehrveranstaltungen, und seit 1919 studierte sie Staatswissenschaften, wo sie unter Mises doktorierte. Ihre war die erste staatswissenschaftliche Dissertation einer Frau in Österreich. Lieser besuchte das Privatseminar von Mises, war ständiges Mitglied der „Nationalökonomischen Gesellschaft“ (bis zu ihrem Ausschluss 1938) und arbeitete nach ihrem Studium beim „Verband österreichischer Banken und Bankiers“ in Wien. Helene Lieser musste 1938 wegen ihrer jüdischen Herkunft Österreich flüchten und wurde jugoslawische Staatsbürgerin. Sie ging nach Genf, wo sie bis 1940 wieder mit Mises
zusammenarbeiten konnte. Dort wurde sie auch als Spionin zunächst für den sowjetischen, dann für den britischen Geheimdienst tätig. Nach dem Krieg blieb sie aktiv. Sie half mit, die OEEC, „Organisation für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit“, und die UNESCO zu gründen. Sie wurde Mitglied des Kuratoriums des „Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung“ und sekretarisierte die „International Economic Association / Association Internationale des Sciences Économiques.“

Die Publizistin

Ilse Schüller Mintz (1904 Wien – Washington D.C. 1978) studierte Wirtschaftswissenschaften in Wien. Sie wurde zwar zum Dr. rer.pol. promoviert, doch weil keine Urkunde ausgestellt werden konnte, wurde ihr die Promotion aberkannt. Mises nahm sie gerne im Privatseminar auf, wo sie sich vor allem auf den Aussenhandel spezialisierte. Zusammen mit ihrem Ehemann und Kindern emigrierte sie im Jahr 1938 in die USA, wo sie als Nationalökonomin tätig blieb. Sie setzte ihr Wirtschaftsstudium an der Columbia University fort, wo sie 1945 endgültig promoviert wurde, und begann an der Columbia University zu unterrichten. Neben ihrer Professur arbeitete Ilse Schüller für das National Bureau of Economic Research in New York, für das sie über 80 Studien über den Einfluss von ausländischen Anleihen und Aussenhandel auf ökonomische Zyklen publizierte.

Die Unbekannte

Marianne von Herzfeld (vermutlich Wien – Edinburgh) war eigentlich Historikerin. Sie schrieb ihre Dissertation an der philosophischen Fakultät. Mit dem bereits 1919 publizierten Band „Zur Orienthandelspolitik Oesterreichs unter Maria Theresia“ wurde Mises auf sie aufmerksam. Sie verstand das Zusammenspiel von Geld, Aussenhandel und Schuld sehr gut und wurde dafür im Privatseminar aufgenommen. Parallel dazu arbeitete sie im „Österreichischen Verband von Banken und Bankiers“ wo sie mit anderen Teilnehmenden des Privatseminars im Austausch blieb. Während des Kriegs emigrierte sie nach Edinburgh. Dort leitete sie ein Kinderheim und verbliebt als Übersetzerin tätig.

Mises der Frauenförderer?

Das sind nur einige Biographien der vielen Frauen, die am Mises-Privatseminar teilnehmen konnten. Gertrud Lovasy – die vor internationalen Regulierungskartellen warnte –, Elli Spiro-Oppenheimer oder Maria Oppliger wären weitere Namen für Biographien. Zeitweilig sollten Frauen bis zu einem Viertel der Teilnehmenden ausgemacht haben. War Mises also der grosse Frauenförderer? Keineswegs. Mises wusste besser als alle, dass Förderungen problematisch sind. Damit Ideen gut werden, müssen sie im freien Ideenmarkt bestehen. Mises war also nur offen für gute Ideen.


* Henrique Schneider ist Volkswirt, Ressortleiter im Schweizerischen Gewerbeverband und in der Erwachsenenbildung tätig.

Feinde des Besseren – Die Disruptionsphobie der Stabilitätspolitiker

von Carlos A. Gebauer*

Weil der Staat häufig den Status quo erhalten will, blockiert er Dynamik und Innovation. Doch statt auf Abschottung sollte er lieber auf Kreativität setzen. Auch weil in einer offenen Welt, die völlige Beherrschbarkeit eine Utopie ist. Im ersten Teil einer vierteiligen Serie über Innovation und Disruption beleuchtet der Autor Carlos A. Gebauer im INSM-Ökonmenenblog, wie eine fehlgeleitete Stabilitätspolitik Innovationen bremst. 

Carlos A Gebauer INSM Ökomenenblog | Die Disruptionsphobie der Stabilitätspolitiker
Carlos A Gebauer INSM Ökomenenblog | Die Disruptionsphobie der Stabilitätspolitiker

Zu den faszinierenden Dimensionen der Staatstheorie gehört es, dass wir uns angewöhnt haben, das Wort vom „Staat“ in aller Regel unbedacht für so verschiedene Phänomene wie das Machtkonstrukt der (west-)römischen Könige, der (ost-)römischen Kaiser und ebenso für unsere heutigen Staaten in Europa zu verwenden. Man wird bei allem kaum fehlgehen in der Annahme, dass ein römischer Herrscher im Alltagsgeschäft tatsächlich simpel damit befasst war, seine eigenen gesellschaftlichen Privilegien zu erweitern und zu erhalten. Auf die Idee, dass es seine vordringliche Aufgabe sein könnte, in Tat und Wahrheit für Arme und Benachteiligte sozialverträgliche Politik zu betreiben, dürfte jedenfalls der durchschnittliche Patrizier nicht gekommen sein. Die jüngere Staatstheorie verortet den ernsthaft vorgetragenen Gedanken von einem „Staat für das Volk“ auch historisch erstmals bei dem deutschen Kanzler Otto von Bismarck.

In diesem Kontext war es also nur konsequent, dass die Staatstheoretiker des 19. Jahrhunderts in Deutschland auch intensiv über den legitimen Umfang staatlicher Machtbefugnisse stritten. Anders als die Sozialisten gingen die Liberalen davon aus, dass es primäre Aufgabe eines Staates sein solle, bestehende Rechte zu verteidigen, nicht aber neue Rechte erst entstehen zu lassen und dann machtvoll durchzusetzen. Die Polemik der Sozialisten gegen einen derart „schlanken“ Staat kulminierte in dem bis heute bekannten Schmähbegriff vom „Nachtwächterstaat“. In sozialistischen Augen war es völlig unzureichend, die Aufgabe eines Staates nur darin zu sehen, simpel bei Tag und Nacht für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Sozialisten betrachteten die Nivellierung der massiven Unterschiede der damaligen Vermögensverteilung vielmehr als die zentrale moralische Herausforderung für eine Politik durch das Volk und seine Repräsentanten – ein Umstand, der durch die industrielle Revolution, die mit dem 19. Jahrhundert in Europa machtvoll Einzug hielt, noch an Dynamik gewann …

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Feinde des Besseren – Disruptionsphobie der Stabilitätspolitiker
Der Artikel erschien zuerst in der Printausgabe des Politikmagazins Novo.


* Carlos A. Gebauer ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Medizinrecht in Düsseldorf, Richter am Anwaltsgerichtshof NRW und publiziert darüber hinaus puristisch liberale Texte, u.a. beim Politikmagazin Novo

Wirkungskraft ökonomischer Theorien

International Vernon Smith Prize 2017 winners
International Vernon Smith Prize 2017 winners

Vortrag von Prof. Thorsten Polleit anlässlich der Verleihung des 10. Vernon Smith Preises. Der Internationale Vernon Smith Preis ist ein Wettbewerb der European Center of Austrian Economics Foundation (ECAEF). Die Preisverleihung für die Gewinner fand am 5. Februar 2018 in Vaduz (Liechtenstein) statt. Details finden Sie hier -> Vernon Smith Prize Winners 2017

Über die Wirkungskraft
ökonomischer Theorien

Vor vielen Jahren, noch als junger Student, wurde mir folgender Scherz erzählt: Es ist zur Zeit des Eisernen Vorhangs in Moskau. Eine Militärparade wird abgehalten. Infanterie, Panzerwaffen, Raketengeschütze und vieles mehr werden dem versammelten Publikum vorgeführt. Plötzlich erscheint inmitten der Aufmarschierenden eine Gruppe von Männern, unbewaffnet, in graue Herrenanzüge gekleidet. Der Gast aus dem Westen, der neben dem obersten russischen General auf der Zuschauerbühne steht, fragt: „Und welche Funktion haben diese Herren?“ Da entgegnet ihm der General stolz: „Das ist unsere gefährlichste Waffe: das sind unsere Volkswirte!“

Ich muss gestehen, erst nach vielen Jahren habe ich den tieferen Sinn dieses Scherzes voll erfasst. Er lautet: Die Wirkungskraft ökonomischer Theorien ist gewaltig, ist viel größer als man vielleicht denken mag – und das wusste der General des sozialistischen Systems sehr genau. Es sind zweifelsohne Theorien, die unser Handeln leiten. Theorien – also Vorstellungen darüber, wie Dinge miteinander zusammenhängen – bestimmen, welche Mittel wir einsetzen, um unseren Zielen näher zu kommen. Richtige Theorien erlauben es, dass wir unsere Ziele erreichen. Falsche Theorien hingegen erschweren es oder machen es gar unmöglich, das gewünschte Ergebnis zu erzielen.

In der Menschheitsgeschichte sind falsche Theorien schon häufig Ursache für viel Leid gewesen. Man denke nur einmal an das 20. Jahrhundert, in dem die Lehren des Sozialismus, Kommunismus, Interventionismus, Nationalsozialismus und Faschismus für Zerstörung und große Not gesorgt haben. Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg galt der Sozialismus als heilsbringende Lehre, von der man sich Wohlstand, Gerechtigkeit und Frieden versprach.

Auch viele Ökonomen befürworteten die sozialistische Lehre und die gesellschaftlichen Experimente, zu denen sie aufrief. Im Grunde hätte man aber schon 1919 wissen können, dass der Sozialismus nicht funktionieren kann. Im Jahr 1919 hatte der österreichische Ökonom Ludwig von Mises (1881 – 1973) einen der wohl bedeutendsten Texte der Wirtschaftswissenschaft veröffentlicht: „Die Wirtschaftsrechnung im sozialistischen Gemeinwesen“. Eine abschließende wissenschaftliche Widerlegung des Sozialismus.
Mises zeigte darin auf, dass der Sozialismus undurchführbar ist, dass mit ihm ein Wirtschaften in der Gemeinschaft unmöglich ist. Er sollte Recht behalten – wie die Erfahrungen in den Ländern, die dem Sozialismus gefolgt sind, eindrücklich dokumentieren.

Gerade weil ökonomische Theorien so weitreichende Wirkungen entfalten können, nicht selten das Leben von vielen Millionen Menschen betreffen, ist es eine wichtige Aufgabe der Wirtschaftswissenschaft, richtige von falschen ökonomischen Theorien zu scheiden. Auch heute sind nach wie vor falsche ökonomische Theorien im Umlauf, werden an Universitäten gelehrt und gelernt und beeinflussen die politischen Weichenstellungen in Wirtschaft und Gesellschaft.

Dazu drei Beispiele:

(1) Keynesianismus. – Der Keynesianismus sagt, der Staat müsse, wenn die Wirtschaft lahmt, die Nachfrage erhöhen, und schon kehrt die Volkswirtschaft zur Vollbeschäftigung zurück. Dies kann der Staat erreichen, indem er selbst (am besten kreditfinanzierte) Ausgaben tätig, oder indem seine Zentralbank die Zinsen senkt, die Geldmenge erhöht, oder indem am besten alles zusammen geschieht. Doch das ist ein Trugschluss. Mit staatlichen Ausgabeprogrammen, Zinsmanipulationen oder Geldmengenvermehrung „aus dem Nichts“ lässt sich keine Prosperität schaffen.

(2) Mindestlohn. – Der Mindestlohn soll mehr Gerechtigkeit und höhere Einkommen bringen. Doch ein Mindestlohn, wenn er über dem markträumenden Lohn liegt, verringert die Beschäftigung. Und gerade die Geringqualifizierten stößt er aus dem Arbeitsmarkt.

(3) Zwischenstaatliche Kooperation. – Eine immer engere Kooperation zwischen Staaten, die Schaffung eines europäischen Zentralstaates, sei gut und richtig, um Wohlstand und Frieden in Europa zu sichern und zu fördern, so ist allerorten zu hören und zu lesen.

Dieses Dogma verkennt jedoch, dass es lediglich eines freien Marktes bedarf, in dem die Eigentumsrechte aller gesichert sind, um ein friedvolles und prosperierendes Zusammenwirken zwischen Menschen zu ermöglichen. Supra-nationalstaatliche Gebilde, die Aushöhlung des Wettbewerbs der Regionen hemmen die Wachstumskräfte und beschwören zudem Interessenkonflikte innerhalb der Staaten und auch zwischen ihnen herauf.

Nachdem Sie diese drei Beispiele gehört haben, werden Sie sich vermutlich fragen: Wie kann es sein, dass einige Ökonomen die aufgeführten Theorien für richtig befinden, während andere (zu denen ich mich zähle) sie in Frage stellen beziehungsweise als falsch zurückweisen? Die Antwort finden wir bei einem Aspekt, dem heutzutage meist nur noch wenig oder gar keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt wird: der Wahl der wissenschaftlichen Methode. Unter der wissenschaftlichen Methode ist das Vorgehen zu verstehen, um Erkenntnisse (wahres Wissen) über ein Erkenntnisobjekt zu gewinnen.

Die (Hauptstrom-)Volkswirtschaftslehre hat sich eine wissenschaftliche Methode zu Eigen gemacht, die sie der Naturwissenschaft entliehen hat. Will man als Naturwissenschaftler Erkenntnisse gewinnen, stellt man eine Hypothese auf („Wenn dann Aussage“) und überprüft ihren Wahrheitsgehalt, indem man Experimente durchführt. Eine solche Hypothese ist zum Beispiel die Folgende: Wenn Substanz X mit Substanz Y gemischt wird, dann stellt sich Reaktion Z ein.

Durch wiederholtes Durchführen dieses Versuchs zeigt sich dann beispielsweise, dass X gemischt mit Y immer zur Reaktion Z führt – und man hat eine Gesetzmäßigkeit aufgespürt. Solch ein Vorgehen ist in der Volkswirtschaftslehre nicht möglich. Warum? In der Naturwissenschaft lässt sich im Laborversuch mit gleichartigen Beobachtungspunkten (Karl Raimund Popper (1902 – 1994) spricht hier von Protokollsätzen) arbeiten. Unter immer gleichen Bedingungen wird ein Faktor verändert, während alle anderen Faktoren konstant gehalten werden.

So erkennt man, welche Konsequenz der veränderte Faktor auf das Untersuchungsergebnis hat – und kommt der gesuchten Gesetzmäßigkeit näher. Ein solches Vorgehen ist im Bereich des menschlichen Handelns nicht möglich. Menschliches Handeln vollzieht sich stets unter komplexen Bedingungen. Viele Faktoren sind im Spiel, und man kann den Einfluss eines Faktors nicht isolieren, wie es im naturwissenschaftlichen Laborversuch möglich ist. Zudem gibt es im Bereich des menschlichen Handelns keine konstanten Verhaltensparameter: Menschen reagieren auf einen bestimmten Impuls nicht in der gleichen Art und Weise.
Der Grund für diese Einsicht ist ein logischer: Menschen sind lernfähig. Und Lernfähigkeit lässt sich nicht widerspruchsfrei verneinen:
(1) Wer argumentiert, der Mensch sei nicht lernfähig, geht davon aus, dass andere den Inhalt seines Gesagten noch nicht wissen, dass sie also lernfähig sind (sonst würde er es ja nicht sagen). Er begeht damit einen performativen Widerspruch.
(2) Wenn jemand sagt „Der Mensch kann nicht lernen“, so setzt er voraus, dass er irgendwann einmal gelernt hat, dass man nicht lernen kann – und attestiert damit Lernfähigkeit. Er begeht also einen offenen Widerspruch.

Lernfähigkeit bedeutet nun aber, dass man mit bestimmten äußeren Faktoren (physikalischer, chemischer oder biologischer Natur) menschliche Handlungen nicht erklären kann (im Sinne einer Ursache-Wirkungsbeziehung) – denn ansonsten könnte man schon heute wissen, wie künftig gehandelt wird. Das aber liefe auf nichts anderes hinaus, als zu bestreiten, dass der Mensch lernfähig ist – und das wäre logisch widersprüchlich und damit falsch. Kurzum: Im Bereich des menschlichen Handelns lassen sich mit der Methode der Naturwissenschaft keine Erkenntnisse (im Sinne von Gesetzmäßigkeiten) gewinnen.

Die Volkswirtschaftslehre begibt sich vielmehr auf ein falsches Gleis, läuft Gefahr, zu falschen Schlüssen zu kommen, wenn sie sich der naturwissenschaftlichen Methode bedient. Sie gelangt beispielsweise zum anmaßenden Ergebnis, die handelnden Menschen, die Volkswirtschaften insgesamt, ließen sich durch geldpolitische, regulative oder steuerliche Maßnahmen gezielt steuern. Und sie verliert letztlich auch die Würde und das Freiheitsideal des handelnden Individuums aus den Augen, redet in der Konsequenz einer zusehends erdrückenderen Staatsausdehnung das Wort. Doch warum, so sollten wir uns an dieser Stelle fragen, findet die naturwissenschaftliche Methode in der Volkswirtschaftslehre Akzeptanz?

Eine abschließende Erklärung muss ich zwar schuldig bleiben. Aber zwei Erklärungsmöglichkeiten möchte ich dennoch anbieten. Es ist denkbar, dass sich eine falsche Methode eingeschlichen hat, die kritiklos über die Jahre hinweg weitergetragen wurde, und deren Defizite von der Mehrheit der Ökonomen noch nicht in ihrer ganzen Tragweite erkannt worden sind. So gesehen bestünde Hoffnung, dass der Methodenfehler irgendwann erkannt wird, es zu einer Methodenänderung kommt, und falsche Theorien und die Politiken, zu denen sie ermuntern, entlarvt werden.

Eine andere, weniger beruhigende Erklärung ist die Folgende: Der Staat (wie wir ihn heute kennen) dominiert den Lehr- und Bildungssektor. Denn um seine Macht zu erhalten, braucht der Staat die Zustimmung der breiten Öffentlichkeit. Und die kann er erlangen, indem er die intellektuellen Meinungsführer für sich einnimmt – also diejenigen, deren Meinung für die Mehrheit der Menschen richtungsweisend ist. Daher ist der Staat bemüht, vor allem auch Ökonomen zu rekrutieren – denn ihre Theorien haben besondere Breitenwirkung.

Der Staat war (und ist) dabei erfolgreich. Es ist heute geradezu üblich, dass wissenschaftlich arbeitende Ökonomen auf der Lohnliste des Staates stehen. In der Mehrzahl handelt es sich dabei um Ökonomen, die dem Staat gewogen sind, die im wahrsten Sinne des Wortes staatstragend wirken. Ökonomen, die der naturwissenschaftlichen Methode folgen, fällt das besonders leicht. Die naturwissenschaftliche Methode, in der Volkswirtschaftslehre eingesetzt, eröffnet nämlich ideologisch-politischen Interessen weitreichenden Einfluss.

Beispielsweise indem man eine politisch genehme, wohlklingende Hypothese aufstellt. Beispiel: „Wenn die Zentralbank die Zinsen senkt, dann steigen Beschäftigung und Einkommen.“ Angesicht einer solch verheißungsvollen Prophezeiung ist die Zustimmung groß, das Experiment in der Praxis auszuprobieren. Was aber, wenn sich im „Härtetest der Realität“ zeigt, dass der in Aussicht gestellte Erfolg ausbleibt?

Was, wenn sich zum Beispiel zeigt, dass der gesenkte Zins nicht den erhofften Konjunkturschub gebracht hat? Die Ökonomen finden eine Entschuldigung. Wie bei einem naturwissenschaftlichen Experiment üblich werden sie argumentieren: Die Zinssenkung ist nicht stark genug gewesen. Senkt man den Zins noch weiter ab, senkt man ihn in den Negativbereich, dann wird die Prosperität schon zunehmen!

Verehrte Leser, Sie erkennen sicherlich bereits, was hier gespielt wird: Die naturwissenschaftliche Methode, angewandt in der Nationalökonomie, öffnet Beliebigkeit, Skeptizismus und Relativismus Tür und Tor.

Alles scheint möglich, man muss nur mutig sein und es ausprobieren. Und wenn es nicht klappt, so liegt der Misserfolg nicht etwa an der Theorie, sondern daran, dass man nicht beherzt genug vorgegangen ist. Die Einsicht, dass es so etwas wie ökonomische Gesetzmäßigkeiten gibt, an die wir Menschen uns halten müssen, um zum gewünschten Ziel zu gelangen, wird beiseite gewischt. Die naturwissenschaftliche Methode macht die Volkswirtschaftslehre zum Spielball politischer Interessen. So mancher Ökonom verliert seine Unbefangenheit. Denn wer mitspielt, wird vom Staat finanziert, darf auf Lehrstuhl, Forschungsprojekte und Prestige hoffen.

Sie werden sich fragen: Was ist die Alternative zum heute etablierten Vorgehen, um ökonomische Erkenntnisse zu gewinnen?

Ludwig von Mises hat wichtige Beiträge geliefert, um diese Frage zu beantworten. Er hat gezeigt, dass die Volkswirtschaftslehre keine Erfahrungswissenschaft (wie die Naturwissenschaft), sondern dass sie eine aprioristische Handlungswissenschaft ist. Wir wissen, dass der Mensch handelt. Dieser Satz lässt sich nicht widerspruchsfrei verneinen. Er gilt – um mit dem Preußischen Philosophen Immanuel Kant (1724 – 1804) zu sprechen – a priori. Man kann nicht widerspruchsfrei sagen „Der Mensch handelt nicht“. Denn wer das sagt, der handelt – und widerspricht seiner Aussage.

Aus der unbestreitbaren Erkenntnis, dass der Mensch handelt, lassen sich auf logisch-deduktivem Wege weitere wahre Aussagen ableiten. Aufgrund handlungslogischer Überlegungen können wir zum Beispiel wissen, dass:
eine Vermehrung der Geldmenge die Volkswirtschaft nicht reicher macht; dass der (Ur-)Zins nicht verschwinden kann, dass er nicht auf oder unter die Nulllinie fallen kann; dass Steuern die Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft senken; dass das Handeln im freien Markt für alle Beteiligten, die daran freiwillig teilnehmen, vorteilhaft ist; dass der Sozialismus (und alle seine Spielarten) scheitern müssen. All das (und einiges andere mehr) können wir durch logisches Denken wissen. Wir brauchen dazu keine Experimente durchzuführen.

Man braucht auch keine teuren Forschungsinstitute, um das zu wissen. Damit an dieser Stelle kein Missverständnis entsteht: Wir können nicht (mit wissenschaftlichen Mitteln) wissen, wie Menschen morgen, in einem Monat oder einem Jahr handeln. Aber wir können wissen, welche (qualitativen) Folgen ökonomische Handlungen haben, ob die Mittel, die unter bestimmten Bedingungen eingesetzt werden, das gewünschte Ziel erreichen können oder nicht. Die Volkswirtschaftslehre hat Bedeutung für jeden von uns. Ihre Erkenntnisse beeinflussen in starkem Maße, wie Menschen handeln, wie sie miteinander kooperieren, welche Politiken gemacht oder unterlassen werden.

Deshalb ist es von entscheidender Bedeutung, vor allem die Wissenschaftsmethode in der Volkswirtschaftslehre kritisch zu hinterfragen und gegen Alternativen abzuwägen. Nur so lassen sich letztlich falsche ökonomische Theorien entlarven und durch richtige Theorien ersetzen. Das ist eine wichtige Erkenntnis: Aus Erfahrungen wird man nämlich nicht per se klug. Es kommt darauf an, wie man die Erfahrung deutet. Und zur Deutung muss man eine Theorie verwenden. Denn so etwas wie theorielose Erfahrung gibt es nicht. Ist die Theorie richtig, kommt man zum richtigen Schluss. Ist sie falsch, zieht man falsche Schlüsse. In der Volkswirtschaftslehre wird die Frage, ob eine Theorie richtig oder falsch ist, nicht durch Erfahrung entschieden, sondern erfahrungsunabhängig, durch logisches Denken. Daher ist es von ganz besonderer Wichtigkeit, den Diskurs über die erkenntnistheoretische Fundierung der Volkswirtschaftslehre zu führen.


  • Thorsten Polleit ist Chefökonom der Degussa Goldhandel, Partner der Polleit & Riechert Investment Management LLP, Präsident des deutschen Ablegers des Ludwig von Mises Institute und Honorarprofessor an der Universität Bayreuth.

Is economic inequality a bad thing?

GIS Statement by Prince Michael of Liechtenstein

Statistics is a wonderful tool to support hypotheses. Data can be selectively arranged, given “weights” or cleverly suppressed depending on a desirable outcome. Of late, the case of excessive and rising inequality has become a mantra in economics, media, academia and politics. It is backed up with statistics and presented as one of the major factors that threaten economic development, public welfare and social cohesion. The state is asked to curb inequality via money transfers with taxes.

Share of the population living in extreme poverty,  by world region

economic poverty bad thing

If one feels there is a danger, one should, before panicking, analyze the situation. First, try to find out if the supposed threat is real. In this case, we should look at the causes of inequality and determine whether the situation indeed leads to detrimental consequences.

We need to acknowledge that inequality is quite a normal condition in human society. As a matter of fact, equality exists only before God and law. A healthy society cherishes and preserves the freedom of choice in pursuit of opportunities by its citizens. This freedom inevitably leads to inequality. Economic evenness will never exist in a free society. Only authoritarian systems can bring about a drab form of uniformity, as was demonstrated in the Soviet Union or East Germany.

In a normal economic development process, we see periods of increasing and decreasing inequality. If we look for causes, we find different ones in different regions of the world. In the United States, it is the emergence of IT monopolies. A surge in inequity is quite normal at the start of super-technologies, as legitimate patent protections render enormous market and pricing power to new technology leaders – in this case Google, Microsoft, Apple, Amazon, and the likes. With time, their positions will get a healthy challenge from competitors. It must also not be ignored that the IT boom is extremely beneficial to the global economy and has allowed new sectors, such as biotechnology, to emerge.

Another factor causing inequality, which works as strongly in the U.S. as in Europe and Japan, is the oversupply of money by central banks and policies of artificially low interest rates. One bad result of these is an enormous overvaluation of assets such as real estate, company participations, art and various other valuables. Such bubbles will eventually burst. A more lasting and troubling consequence of low interest rates is the erosion of pensioners’ money. The disastrous policies of central banks are mainly geared to alleviate the problem of government debt, although the official pretext is to trigger consumption and investment.

The real problem

In Europe, a tight maze of government regulations stiffens competition, creating protectionist oligarchies and, as a result, concentrations of wealth. This regulatory density combined with a “nanny” welfare state limits the freedom of choice and gives improper economic incentives. Taxation is certainly the wrong remedy here. More freedom and competition would be the natural choice. This approach does not preclude protection for the weakest in society – to the contrary, it assures a sustainable economic basis for it.

Statistics on inequality are misleading. More and more wealth is controlled by governments; they decide to whom it is allocated. Valuation of assets, especially in times of bubbles, is also arbitrary. Look also at how the assets of pension funds and sovereign wealth funds are treated in this system. Are we not dealing with a fog of “fake news” in this area of public debate?

Our real problem in large parts of the world is not inequality as such, but the shortage of opportunities caused by corrupt systems. This is why the resulting inequality is so biting. The best answer to corruption is not big government, but as little regulation as possible, to deny government officials the power to grant favors. Competition, accountability and wide freedom of choice combined with an efficient judicial system are the remedies. The validity of this approach has been demonstrated time and again, all over the world. A recent example was reforms in Georgia by President Mikheil Saakashvili (2008-2013).

Yet it is globalization, neoliberalism and free markets that are blamed for the increases in inequality. Let us note, though, that just as such protagonists of equality as the economist Thomas Piketty or former U.S. Vice President Joe Biden are lamenting its decline, a large share of the world’s population is being relieved from extreme poverty by the same system and can lead dignified lives.

It is crucial to raise the quality of life and well-being of as many people as possible. But this requires entrepreneurial spirit, the driver of real progress. Natural cycles of development alternately give rise to increases and decreases in inequality, but it is not a key indicator.

Inequality can serve as a great tool in populist politics, though. Taxing a few rich and distributing wealth to as many voters as possible can be a great ploy for power-hungry cynics, but such policies are corrupting Western democracy. The result can only be misery.

Read the original article here ->
Economic inequality bad thing


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