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News / Essays

Wie frei darf Hongkong bleiben?

Gegenrede von Henrique Schneider,
erstmals erschienen bei Weltwoche Nr. 36, September 2019

Die Protestbewegung gibt kein einheitliches Bild ab. Aber sie erzwingt eine Antwort auf die wichtigste Frage. Das Drehbuch der Demonstranten ist – anders als Dominic Green hier kürzlich darlegte – genau richtig.

Hongkong Protest 2019. Quelle: Pinterest.ru

In der Weltwoche kritisiert Dominic Green die Protestbewegung in Hongkong («Falsches Drehbuch», Weltwoche Nr. 34/19). Seine These: Die Protestbewegung setze die Trümpfe Hongkongs leichtfertig aufs Spiel. Der Löwenfels sei die – sinnbildliche und wortwörtliche – Brücke zwischen Ost und West. Doch die Protestierenden sprengten diese Brücke. Durch Blockieren des Flughafens und indem sie sich sämtlichen Gesprächsangeboten widersetzten.

In einem Punkt hat Green recht: Man muss lange suchen, bis man im heutigen Hongkong Liberale findet. Figuren wie John Pope-Hennessy, Wu Tingfang, Kai Ho und John James Cowperthwaite haben dem Löwenfelsen seine ursprüngliche, liberale Prägung gegeben. Doch sie gehören längst der Geschichte an. Auch in der Protestbewegung gleicht die Suche nach Liberalen jener nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen. Ein einheitliches Programm haben die Protestler ohnehin nicht. Sie fordern zwar persönliche und wirtschaftliche Freiheit. Doch gleichzeitig skandieren sie Parolen gegen die Globalisierung und für mehr Sozialstaat.

Im Übrigen könnte Greens Diagnose zur Protestbewegung aber falscher nicht sein. Es war nämlich die freiheitliche Politik, die den Löwenfels zum Erfolgsmodell gemacht hat. Der Verlust dieser Freiheit würde dem Modell Hongkong ein Ende setzen. Und genau das findet die Protestbewegung. Sie ist auch bereit, gegen diesen Verlust einzutreten. Sie hat also sehr wohl das richtige Drehbuch gefunden. Die eigentliche Schicksalsfrage für die Zukunft des Landes liegt im Verhältnis zu China.

Das Parlament ist ein Sinnbild für diesen Zwiespalt: In der Legislative sitzen 70 Personen. Davon sind 60 in etwa 20 Parteien organisiert. Die restlichen sind unabhängig. Etwa 43 Personen bilden eine lose Allianz, den Peking-Block. In diesem Block sind Konservative, Liberale und sogar Kommunisten vereint. Sie unterstützen die Politik Chinas. Auf der anderen Seite stehen etwa 25 Personen im sogenannten demokratischen Block. Auch darin finden sich Leute und Parteien aller Couleur – sogar einige, die sich die Unabhängigkeit wünschen.

Auf der Seite der Chinatreuen mangelt es an Liberalen. Die Liberale Partei tritt etwa fürFreihandel, für den Abbau aller Handelshemmnisse, gegen Wettbewerbsrecht, gegen Gewerkschaften oder gegen den Sozialstaat an. Doch sie ist nicht besonders gross und sitzt in einer Allianz mit Konservativen und Kommunisten fest. Hongkong ist genauso vielfältig wie sein Parlament. Keine Meinung kann eine Deutungshoheit beanspruchen. Das Einzige, was deutlich ist – und auch entsprechend Politik, Wirtschaft und Gesellschaft trennt –, ist der Zwiespalt im Verhältnis zu Peking …

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Henrique Schneider: Wie frei darf Hongkong bleiben

Steuern mit Lenkungswirkung – eine Verblendung

Essay von Henrique Schneider,
erstmals erschienen bei
‘eigentümlich frei’ am 28. August 2019

„Lenkungsabgaben“ scheinen die eierlegende Wollmilchsau zu sein. Egal welches Problem besteht, eine Lenkungsabgabe soll es beheben. In Tat und Wahrheit ist sie eine Fehlkonstruktion. Zu viel Stau? Lenkungsabgabe. Zu viel Lärm? Lenkungsabgabe. Klimawandel? Lenkungsabgabe. Fleischkonsum? Lenkungsabgabe. Heute ist es Mode, zu allen erdenklichen Verhaltensmustern eine „Lenkungsabgabe“ zu entwerfen. Die zu grunde liegende Logik ist dreistufig.

Soll abnormes Verhalten korrigieren: Lenkungsabgabe
Soll abnormes Verhalten korrigieren: Lenkungsabgabe. Bildquelle: Shutterstock

Erstens: Wenn jemand etwas tut und dieses Verhalten der Allgemeinheit Kosten verursacht, dann sollen diese Kosten in den Preis der Tat einfließen. Zweitens: Wenn jemand etwas tut, das gegen normativ Gewünschtes verstößt, soll das abnorme Verhalten mit einem Preis versehen werden. Wenn dieser Preis hoch genug ist, gibt es nur wenige, die sich das abnorme Verhalten überhaupt leisten. Drittens: Der Ertrag der geleisteten Abgaben wird an jene umverteilt, die keine Kosten für die Allgemeinheit erzeugt haben oder sich konform verhalten haben.

Politik ausgeblendet

Gegner der Lenkungsabgabe wenden ein, das Konzept funktioniere nur in der Theorie. In der Praxis erzeugten Lenkungsabgaben enorme Transaktionskosten. Ihre Erträge flössen nie vollständig an die Bevölkerung zurück, und sie führe zu nichts als zu staatlicher Bürokratie. Diese Kritik stimmt auch. Es gibt keine empirische Evidenz dafür, dass irgendeine Lenkungsabgabe je gemäß der skizzierten Theorie gewirkt hat.

Trotzdem ist diese Kritik aus der Praxis nur eine Verkürzung. Die Lenkungsabgabe scheitert nicht nur an ihrer Praxis. Auch die Theorie, die sie begründet, funktioniert nicht. Sie mag auf den ersten Blick sogar intuitiv einleuchten. Doch einer ökonomischen Analyse hält sie nicht stand …

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Henrique Schneider: Lenkungsabgabe

Enteignung, Miliz, Demokratie

Essay von Henrique Schneider

Enteignungen sind salonfähig geworden – etwa in Deutschland und in der Schweiz. Die Eigentumsgarantie, die letzte Versicherung gegen Armut, wird zunehmend verwässert. Auch Milizarmee und Demokratie stehen auf dem Spiel.

Eigentum ist nicht nur philosophisch wichtig. Es ist eine Eigenschaft moderner Demokratien. Eigentum schafft Voraussetzungen für die Leistungserbringung des Individuums. Denn das Individuum weiss, dass es die Frucht der eigenen Arbeit oder des eigenen Unternehmens behalten darf – eben: sie sein Eigen nennen darf. Eigentum stärkt auch die Selbstverantwortung des Individuums, denn es weiss, dass es die Folgen des eigenen Tuns tragen muss …

… Es ist kein Zufall, dass Länder, in den Armut, Hungersnot und Kriminalität grassieren, just jene sind, in denen Eigentum entweder nicht anerkannt oder nicht geschützt wird. Venezuela, Zimbabwe, Nord-Korea lassen grüssen. Trotzdem schreiten “entwickelte” Länder zusehens in Richtung der Aufweichung des Eigentumsschutzes entgegen.

Populisums in Deutschland

Es geht dabei nicht um die Verwässerung des Eigentums, die zum Beispiel Negativzinsen oder besonders kaprizierte Geld- und Fiskalpolitiken mit sich bringen. Es geht um knallharte Enteignung …

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Henrique Schneider “Enteignung, Miliz, Demokratie


Henrique Schneiders Beitrag erschien erstmals in “Allgemeine Schweizerische Militärzeitschrift 08/2019″. Herr Schneider ein Schweizer Ökonom und gleichzeitig Redakteur der ASMZ.

Big Data und die linken Träume der Planwirtschaft

Kommentar von Hubert Milz
zu einem NZZ-Artikel vom 14. August 2019

Vor einigen Tagen erschien in der Neuen Zürcher Zeitung der Artikel Macht uns der Computer zu Kommunisten? – Big Data lässt den linken Traum der Planwirtschaft wiederaufleben. Ernstzunehmende Vision oder marxistischer Köhlerglaube? Der Artikel macht deutlich, dass die „Jünger der Planung“ davon träumen, dass sie mittels der modernen Computer- und Informationstechnik die relevanten Informationen generieren können, um den Markt zu steuern – „Der Zugang zu allen möglichen Daten erlaube es, die unsichtbare Hand des Markts zu finden.“

Nach meinem Empfinden wird bei einer derartigen „Big Data Planwirtschaft“ das neoklassische Modell nach Walras unterstellt. Durch „Big Data“ soll das Walras-Modell der „Allgemeinen Gleichgewichtstheorie der Neoklassik“ endlich in der Realität ankommen. Dieses Modell ist bis heute das grundlegende Modell der mathematischen Analysemethodik im Mainstream der Neoklassik. In diesem Modell werden die Gleichgewichtspreise und die entsprechenden Gleichgewichtsmengen über ein Gleichungssystem simultan bestimmt – „Güter“ werden durch „Güter“ getauscht. Da das Gleichungssystem simultan gestaltet ist, laufen alle Prozesse unmittelbar und zeitgleich ab – ein allwissender Auktionator sorgt für diesen reibungslosen und zeitgleichen Ablauf. Ergo ist die Zeit im Grunde wegdefiniert und somit können auch unmittelbar Güter gegen Güter getauscht werden – ohne Geld. Und dieser allwissende Auktionator ist ohne Umstände mit dem Zentralplaner austauschbar – zumindest in diesem Modell.

Kritik: Das Modell der „Allgemeinen Gleichgewichtstheorie der Neoklassik“ entspricht nicht der realen Welt. Den allwissenden Auktionator gibt es nicht: Menschen haben nur begrenztes Wissen, ebenfalls die zentralen Planer. Und die Realität ist nicht „statisch“ wie im Modell der „Allgemeinen Gleichgewichtstheorie der Neoklassik“ – die reale Welt kennt die Zeit und ist somit eine „dynamische“ Welt.

Neoklassiker fuhren und fahren schon immer auf der Idee ab, mittels eines Supercomputers alle Pläne, Wünsche, Präferenzen usw. aller Menschen zu sammeln. Mittels des Supercomputers (= des allwissenden Auktionators) soll dann das Modell der „Allgemeinen Gleichgewichtstheorie“ durchgespielt werden und ein jeder Mensch wird gemäß optimaler Allokation der Güter beglückt werden.

Insbesondere marxistische Anhänger der ökonomischen Neoklassik träumten davon. Einer dieser marxistischen Neoklassiker – Oskar Lange – wird im Artikel explizit genannt. Doch auch nicht-marxistische Neoklassiker teilten derartige Träume. So schrieb bspw. die Neoklassikerin Christina Kruse 1988 in ihrer Dissertation, dass das Theoriegebäude der „Allgemeinen Gleichgewichtstheorie der Neoklassik“ auch auf ein sozialistisches Gemeinwesen anwendbar ist, so dass damit durchaus eine optimale Zentralplanung der Ressourcenverwendung möglich sei.

Informationen und Wissen

In dem Artikel werden die Thesen Hayeks zur wichtigen Rolle der Informationen im Marktprozess erwähnt – aber nicht korrekt erwähnt! Hayek sprach keineswegs nur von „Echtzeitinformationen“, sondern vielmehr – ich spitze jetzt ein wenig zu – davon, dass mir der Markt heute sagt, wie ich gestern hätte handeln sollen und mir wiederum morgen sagt, wie ich hätte heute handeln sollen.

Dies ist ein elementarer Unterschied zu der Floskel „Echtzeitinformationen“ des Artikels. Für Hayek waren die Preise die Informationsträger, die Preise senden die Signale aus, aufgrund welcher die Menschen unternehmerisch handeln – auch der private Haushalt handelt in diesem Sinne unternehmerisch; somit ist das „Preissystem“ ein „Signalsystem für jeden Haushalt und jede Unternehmung“.

Durch das ständige Handeln der Menschen am Markt wiederum verändern sich auch ständig die Rahmenbedingungen des Marktes, dadurch werden ständig veränderte Preissignale gesendet, so dass – dies hat Israel M. Kirzner hervorragend herausgearbeitet – ein „allgemeines Gleichgewicht“ à la Walras in der realen Welt ein Ding der Unmöglichkeit ist.

Außerdem stellte Hayek klar, dass der zentrale Planer, auch wenn dieser über ein Supergehirn oder einen Supercomputer verfügen sollte, dieser keineswegs alle Informationen und alles Wissen sammeln könne, weil Menschen über implizites Wissen verfügen. Wissen, welches sie bei einer Befragung, bei einem Ausfüllen eines Fragebogens usw. unwissentlich unterschlagen werden, weil ihnen dieses Wissen gar nicht bewusst ist (vielleicht auch als unwichtig oder selbstverständlich erscheint).

Doch gerade dieses implizite Wissen, welches auch unbewusst ins Handeln einfließt, hat einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf das menschliche Handeln und damit auf die Signale des Preissystems (also auf die gesendeten Informationen). Besonders in diesem impliziten Wissen des menschlichen Handels finden sich – so Hayek – wichtige Informationen für das Preissystem.

Außerdem, ich übernehme hier eine Formulierung von Thomas Lackmann: Menschen, die wissen, dass sie beobachtet werden, verhalten sich anders als die in freier Wildbahn. Will sagen, dass Menschen, wegen des institutionellen Zwangs, bei der Weitergabe von Informationen zurückhaltend sind und/oder die übermittelten Informationen den von ihnen unterstellten Erwartungen des Datensammlers anpassen werden. (z. B. der Regierung) versucht zu antizipieren und folglich daran die Weitergabe der Informationen anpasst.

Was sind implizite Information oder was ist unbewusstes Wissen?

Mit dem „Arrow-Theorem“, dem Allgemeinen Unmöglichkeitstheorem der Sozialwahltheorie, lässt sich einfach darlegen, was mit impliziten Informationen und unbewusstem Wissen gemeint ist.

Dieses Theorem wurde vor vielen Jahren von einem meiner Lehrer anhand eines einfachen Beispiels griffig erklärt. Man stelle sich vor irgendjemand ist irgendwo eingeladen. Der Gastgeber fragt diesen Gast, was er trinken wolle – Weinbrand, Gin oder Whisky. Der Gast antwortet, dies sei ihm gleich. Worauf der Gastgeber auf den Getränkewagen weist – der Gast solle sich bedienen. Der Gast greift direkt und ohne lange zu überlegen zur Gin-Flasche, diese ist jedoch leer; so dass der Gast spontan zur Whisky-Flache greift, die aber auch leer ist.
Folglich gilt, obwohl der Gast auf die Frage die drei Getränke als „gleichwertig“ bezeichnete, seine spontane Handlung zeigt, dass er dem Gin die erste Präferenz widmet, den Whisky an zweiter Stelle setzt und erst an dritter Position folgt der Weinbrand. Diese wertende Rangfolge floss als Antwort, als Information nicht in die Befragung durch den Gastgeber ein – unbewusstes Wissen wurde dem Gastgeber (= dem zentralen Planer) vorenthalten.

Das Beispiel mag profan klingen, doch der Alltag ist meistenteils profan und es sind unzählige – jeder sollte einmal überlegen – derartiger profaner Kleinigkeiten zu finden, die dem Zentralplaner unbewusst vorenthalten werden.

Folglich wird durch die mangelhafte Information auch zentrale Planung mittels eines Super-Super-Computers scheitern: „Big Data Planwirtschaft“ und das walrasianische Modell der „Allgemeinen Gleichgewichtstheorie der Neoklassik“ werden auch mit einem Super-Super-Computer scheitern, die „unsichtbare Hand“ wird nicht sichtbar werden!

Das Walras-Modell und die Realität

Regelmäßig unterstellen die mathematisch ausgerichteten Modellierer des Modells zumindest implizit, dass es neben Indifferenzkurven stabile Nachfrage- und Angebotskurven gibt.

Indifferenzkurven sollen vermitteln, dass Menschen irgendwelche Güter als gleichwertig ansehen. Derart gleichwertige Güter würden zwischen den Menschen gehandelt und getauscht – es wird das „Prinzip der Gleichwertigkeit der getauschten Güter“ unterstellt.
Euer Ehren! Einspruch: Wenn die Güter nur gleichwertig wären, würden Tausch und Handel brach liegen; denn bei „Gleichwertigkeit der Güter“ liegt kein Grund zum Tauschhandel vor. Buridans Esel lässt grüßen: „Ein Esel steht zwischen zwei gleich großen und gleich weit entfernten Heuhaufen. Er verhungert schließlich, weil er sich nicht entscheiden kann, welchen er zuerst fressen soll.“    
Menschen tauschen Güter, weil sie ganz subjektiv – und eben nicht kardinal messbar – das begehrte Gut eben höher einschätzen als das Gut, welches sie im Tausch abgeben wollen und beide Tauschpartner haben einen subjektiven Vorteil durch die Tauschaktion. Dadurch entstand Handel, daraus entstand Arbeitsteilung, dadurch erst stieg die materielle Wohlfahrt an – Wandel durch Handel; dass das Tauschmedium Geld normalerweise der Vermittler zwischen den begehrten Gütern ist, spielt für das Verständnis des Prinzips des Tauschens keine Rolle. Ein profanes Beispiel: Ein Buch wird zum Preis von 10 EURO zum Tausch angeboten. Demjenigen, der das Buch zu diesem Preis kauft, ist das Buch im Moment des Kaufes mehr wert als diese 10 EURO – umgekehrt gibt der Verkäufer das Buch nur ab, weil dieser den Wert des Buches unter 10 EURO veranschlagt.

Die Unterstellung von stabilen Nachfragekurven besteht den Realitätstest ebenfalls nicht. Warum? Selbst, wenn ein „Jemand“ – bevor die Einkaufstour startet – eine Einkaufliste (z. B. mit zwölf Produkten) streng und akkurat nach seinen Präferenzen erstellt, kann und wird sich das Nachfrageverhalten unmittelbar während des Einkaufens ändern.
Beispiel: Während der Einkaufstour sieht unser „Jemand“ das Gut „X“, welches unser „Jemand“ mittelfristig – aber wegen des bisher hohen Preises nicht sofort – erwerben möchte. Nun ist dieses Gut „X“ aus irgendeinem Grunde (vielleicht eine Werbemaßnahme) kurzzeitig um 40% preisgünstiger im Angebot als üblicherweise, so dass dieses Gut „X“ an die erste Stelle der Präferenzliste des „Jemands“ aufrückt. Der ganze Einkaufsplan, vorher akkurat geplant, wird nun obsolet: Die Einkaufsliste ändert sich – und dadurch ändert sich während der Einkaufstour des „Jemands“ die Nachfragekurve. Und es gibt täglich Millionen solcher „Jemands“! Das Preissystem sendet ständig neue Signale aus.

Unternehmer werden unmittelbar flexibel auf die neuen Signale – wie gerade im Einkaufsbeispiel beschrieben – reagieren und das Angebot so schnell als möglich den neuen Signalen anpassen. Betriebsverwalter natürlich nicht, die werden verzögert und vielleicht sogar verspätet reagieren. Folglich gilt, dass es auch keine stabilen Angebotskurven gibt – höchstens kurzfristig sind die Angebotskurven scheinbar stabil, es kommt eben darauf an, wie schnell sich Unternehmer den geänderten Signalen anpassen können.

Aus dem Gesagten, aus der Kritik folgt nicht, dass die Analyse und Modellierung von „Angebot und Nachfrage“ überflüssig oder grundfalsch ist. Nein, das „Modell der Preisbildung“ mittels „Angebots- und Nachfragekurve“ (oder Angebots- und Nachfragefunktionen) sollte eben nur als das genommen werden, was es ist: Nämlich ein Erklärungskonzept aggregierten menschlichen Verhaltens und eine methodologische Funktion der Wirtschaftswissenschaften, es dient nur dazu, elementare wirtschaftliche Zusammenhänge theoretisch durchsichtig und ohne praktische Unzulänglichkeiten zu beschreiben.
Das Wirtschaftsgeschehen ist ein komplexes System – und komplexe System haben „einfach“ erklärt zu werden – und hier hat das „Modell der Preisbildung“ mittels „Angebots- und Nachfragekurve“ die dienende Funktion das einfache Werkzeug der Analyse zu stellen, mehr nicht.
Ein Überdehnen des Modells, ja sogar eine Gleichsetzung des Modells mit der realen Welt ist ein Irrweg.

Fazit: Planwirtschaft wird auch mit „Big Data“ misslingen!

Macht uns der Computer zu Kommunisten?

Big Data lässt den linken Traum der Planwirtschaft wiederaufleben

Beitrag von Adrian Lobe
(erschienen am 24. August 2019 in
Neue Zürcher Zeitung)

Warum ist der real existierende Sozialismus gescheitert? Weil der Staat zu wenig Informationen hatte, um den Markt zu steuern, sagt der chinesische Unternehmer Jack Ma. Das sei heute anders. Mit Daten lasse sich jeder Markt beherrschen.

Selbst Schokoladenkekse kann man nur verkaufen, wenn die Leute sie essen wollen. Also muss es darum gehen, möglichst genau zu wissen, wo wie viele Leute Kekse mögen. (Bild: Jason Alden / Bloomberg)

In Venezuela zeigt sich derzeit die Hybris der Planwirtschaft: leergefegte Supermarktregale, lange Schlangen an den Tankstellen, eine Hyperinflation von über 130 000 Prozent. Lebensmittel, Hygieneartikel und selbst der Strom werden rationiert. Es fehlt an allem: Nahrungsmittel, Toilettenpapier, Antibiotika, Bettlaken. Coca-Cola hat 2016 seine Produktion gestoppt, weil es keinen Zucker mehr gab. Die Menschen haben aufgrund der Mangelernährung 2016 im Durchschnitt neun Kilo abgenommen. Das Malaise der venezolanischen Volkswirtschaft hat fast schon Lehrbuchcharakter.

Die Klassiker der liberalen Ökonomie – Friedrich August von Hayek zum Beispiel – brachten gegen die Planwirtschaft vor allem einen steuerungstheoretischen Einwand vor: Der Planer verfügt nie über bessere Echtzeitinformationen als der Markt. Der Staat weiss nicht, wie viele Fahrzeuge, Toaster und Türgriffe produziert werden müssen, damit der gegenwärtige Bedarf gedeckt ist.

Man müsste Millionen von Gleichungen lösen, um ein makroökonomisches Gleichgewicht zu erhalten. Eine zentrale Planungsbehörde könne nie das gesamte Wissen über die Gesellschaft aggregieren, geschweige denn die Nachfrage nach bestimmten Gütern berechnen. Doch durch die Fortschritte der Informationstechnologie könnte dieses Wissensproblem gelöst werden …

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Macht uns der Computer zu Kommunisten?