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Gary Stanley Becker (†2014)

Gary Stanley BeckerEin Nachruf von Kurt R. Leube*

“The amount of crime is determined not only by the rationality and preferences of would-be criminals, but also by the economic and social environment created by public policies, including expenditures on police, punishments for different crimes, and opportunities for employment, schooling, and training programs.”

Mit dem Tod Gary Beckers (*1930 – †2014) haben die Sozialwissenschaften einen ihrer innovativsten und originellsten Denker verloren. Becker gehörte noch zu jener Generation amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler, deren Werk aus der umfassenden Sicht einander bedingender sozialwissenschaftlicher Disziplinen entstand. Auch wenn die Arbeiten grosser Ökonomen, wie etwa F. A. von Hayek, James M. Buchanan oder Ronald Coase schon lange vor ihm das Selbstverständnis der reinen Nationalökonomie nachhaltig veränderten, wurde sie durch Beckers bahnbechenden Ansatz zu einer interdisziplinären Wissenschaft. Er war der erste, der durch Anwendung der neoklassischen Analyse auf nicht-wirtschaftliche Problembereiche die Ökonomik zu einem der wichtigsten Instrumente der Erforschung sozialer Probleme machte und damit die bisherige Arbeitsteilung zwischen Soziologie und Wirtschaftstheorie zumindest in Frage stellte, wenn nicht sogar aufhob. Beckers Ansatz wird richtigerweise mit ‘rational choice approach’bezeichnet, weil er davon ausgeht, dass Menschen in der Regel nach Abwägen der Vor- oder Nachteile jene Entscheidung treffen, die ihnen den grössten Nutzen zu bringen verspricht. Diese Einsicht begann Becker vorbehaltlos und konsequent auf alle Bereiche menschlichen Handelns anzuwenden.

   Obwohl Gary Stanley Becker am 2. Dezember 1930 inmitten der Weltwirtschaftskrise in Pottsville, Pennsylvania geboren wurde, war am Tonfall seiner Sprache leicht zu erkennen, dass er mit seinen drei Geschwistern in Brooklyn, NY aufwuchs. Zunächst einmal weit mehr am Sport als an Akademischen interessiert, wurde er doch bereits mit 17 zum Studium der Mathematik und Ökonomie an der Princeton University zugelassen, wo er u. a. von William Baumol, Friedrich A. Lutz und Jacob Viner unterrichtet wurde. Seine ausserordentliche Begabung fiel schnell auf und führte schon bald zu seinen ersten Veröffentlichungen. Kaum 20-jährig entschloss sich Becker 1950 zum weiteren Studium der Wirtschaftswissenschaften an der University of Chicago und traf dort mit Milton Friedman, George J. Stigler, Aaron Director, T.W. Shultz oder Frank Knight u. a. auf den Kern der Chicago School of Economics. Ermutigt durch die offene intellektuelle Atmosphäre im Department of Economics und geprägt durch die Eindrücke von Rassenunruhen und der Rückkehr von Soldaten aus dem verlustreichen Korea-Krieg, wandte sich Becker zunehmend Gebieten zu, die bislang der Soziologie vorbehalten waren. Diese Grenzüberschreitungen wurden ihm allerdings übel genommen und mitunter in unfairer Weise von jenem intellektuellen Konservativismus abgelehnt, der damals die sozialwissenschaftlichen Disziplinen an amerikanischen Universitäten beherrschte.

In seinem ersten Buch The Economics of Discrimination (1957) gelang es Becker mit Hilfe seiner Methodik das kaum je zuvor behandelte Problem der Rassendiskriminierung ökonomisch darzustellen. Beckers Erklärung, dass jede Diskriminierung eine ökonomische Entscheidung ist, die das absichtliche Diskriminieren einem erwartenden Gewinn vorzieht, stand die Fachwelt zunächst mit kühler Ablehnung gegenüber und bezeichnete seinen methodischer Ansatz als fremd oder gar unmoralisch. Allerdings kann ein rascher Sieg neuer Ideen kaum jemals Prüfstein einer Leistung revolutionärer Bedeutung sein. Typischerweise gibt erst das langsame Heranreifen der Disziplin dem Vordenker die spätere verdiente Würdigung. So wurde erst gegen Mitte der 1960er Jahre Beckers The Economics of Discrimination als intellektueller Durchbruch anerkannt und bald darauf zum Klassiker.

   Trotz akademischer Widerstände wurde er 1957 eingeladen, in New York am National Bureau of Economic Research (NBER) zu forschen und gleichzeitig an der Columbia University zu lehren. Er blieb bis 1969. Nach umfangreichen Vorarbeiten über die mikroökonomischen Grundlagen einer Theorie menschlichen Verhaltens entstand dort auch sein grosses programmatisches Werk Human Capital: A Theoretical and Empirical Analysis, with Special Reference to Education (1964). Während Becker im ersten Teil dieses Buches eine innovative allgemeine Theorie der Humankapitalinvestitionen entwickelte, mit der Nutzen und Kosten jeglicher Art von Bildung gemessen werden, unternimmt er im zweiten Teil des Buches eine empirische Untersuchung. Für ihn sind neben der gesellschaftlichen Bildung, der Ausbildung durch Schule oder Beruf, auch die Ernährung, gute oder schlechte Angewohnheiten, Wertvorstellungen, oder auch spontane Hilfsbereitschaft, als Humankapital zu werten. Nach Becker wächst das Humankapital durch die Akkumulation bestimmter Fertigkeiten in den ersten Arbeitsjahren schneller als in den späteren Berufsjahren. Daher fallen die Gehaltszuwächse für junge Beschäftigte gewöhnlich höher aus als für ältere, weil sich mit fortschreitendem Alter auch das Humankapital negativ zu verändern beginnt.

   Im dritten Teil schliesslich geht es Becker um die Verbindung von Humankapital und der Entwicklung von Familien. Trotz anfänglicher Ablehnung durch die Fachwelt gelang ihm mit Human Capital innerhalb weniger Jahre ein weiterer Klassiker der sozialwissenschaftlichen Literatur. Mit seinem Begriff des Humankapitals gelang es nun alle Vorgänge, die durch bleibende Veränderungen individueller Merkmale Verhaltenänderungen bewirken, zusammenzufassen.

Nur ein Jahr nach Human Capital erschien seine bahnbrechende Arbeit “A Theory of the Allocation of Time” (1965), die zum Unterschied seiner früheren Veröffentlichungen sofort mit grosser Zustimmung aufgenommen wurde. Mit knapp 37 Jahren wurde Becker für diesen wichtigen Aufsatz die begehrte ‘John Bates Clark Medaille’ der American Economic Association verliehen. Wegen der schweren Studentenunruhen der späten 1960er Jahre, die jedes vernünftige Arbeiten an der Columbia University unmöglch machten, ging Becker 1970 zurück an die University of Chicago und blieb dort bis zuletzt. 1972 wurde er zum Fellow der American Academy of Arts and Sciences gewählt.

Die intensive Arbeit über die Zeitallokation und die Reproduktionsraten verschiedener Bevölkerungsgruppen lenkten Beckers Interesse zunehmend auf die Soziobiologie und begann mit ihrer Hilfe die ökonomischen Hiontergründe der Familie zu analysieren. Er erkannte sie als die zentrale Institution westlicher Kulturen. In seinen Untersuchungen entdeckte er Kriterien, die bestimmen wie unverheiratete Frauen und Männer auf einem fiktiven ‘Heiratsmarkt’ zur Maximierung ihrer jeweiligen Nutzen wetteifern. Wenn auch diese Aufsätze zunächst wieder auf Ablehnung unter seinen Kollegen stiessen, begann Becker seine Forschungen auch auf die Heirats- bzw. Scheidungsraten auszudehnen. All diese Arbeiten gipfelten in der Publikation seines grossen Werkes, A Treatise on the Family (1981), das nun erstmals doch von den gesamten Sozialwissenschaften mit enormen Interesse aufgenommen wurde. Die bald folgende 2. Auflage ergänzte er mit einer Reihe kleinerer Studien aus den 1980er Jahren.

Mehr und mehr verlagerte sich Beckers Interesse auf die heute wieder besonders wichtigen Fragen der sozialen Sicherung, der zunehmenden Kriminalität in Wohlfahrtsstaaten, der Umverteilung, der Auswirkung der Staatstätigkeit auf die Gründung und Erhaltung von Familien oder auf die Beschränkungen der Freiheit. 1976 veröffentlichte er diese Studien als The Economic Approach to Human Behavior, und weist in diesem Buch nicht nur nach, dass Menschen keinesfalls bevormundet werden müssen, weil sie in der Regel vernünftig mit ihrer Freiheit umgehen können. Vielmehr ist für Becker die individuelle Freiheit gerade die Voraussetzung für die maximale Nutzung des Lebens. In diesem einflussreichen Werk zeigt Becker auch wie Koalitionen organisierter Interessen auf Kosten Dritter den Staat für ihren eigenen Nutzen vereinnahmen. Er beschreibt hier auch einen Wettbewerb um die Plünderung der Wohlfahrtsstaaten, der sich zwischen diesen Interessengruppen entwickelt. Kaum ein Jahr später erschien das gemeinsam mit George J. Stigler verfasste Essay “De Gustibus Non Est Disputandum” (1977) über Geschmack, das Suchtverhalten und die Nachfrage nach Drogen.

Ähnlich wie schon vor ihm Milton Friedman in Newsweek eine monatliche Kolumne schrieb, begann ab Mitte der 1980er Jahre auch Gary Becker für Business Week zu schreiben. Diese Beiträge machten ihn weltbekannt und trugen wesentlich zur Verbreitung seiner Ideen bei.

40 Jahre nach der Publikation seiner The Economics of Discrimination wurde Gary Becker, für ihn unerwartet aber durchaus erhofft, 1992 mit dem Nobelpreis der Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet. Nachdem auch das Komitee, vermutlich doch politisch bedingt bei der Begründung der Verleihung mehrmals betonte, dass Beckers Arbeiten – insbesondere seine Studien über die Familie – nach wie vor umstritten wären, wurden Proteste gegen seinen Ansatz während der Feierlichkeiten in Stockholm angedroht. Im selben Jahr akzeptierte er den Ruf als Research Fellow an die Hoover Institution, Stanford University, an der er bis zuletzt regelmässig zwischen Dezember und März arbeitete. Gemeinsam mit seiner Frau, der Historikerin Guity Nashat entstand hier auch das sehr originelle Buch The Economics of Life (1997). Unter seinen vielen weiteren Büchern sei hier nur noch Social Economics: Market Behavior in a Social Environment (2001) genannt. Dieses wegweisende Buch verfasste Becker gemeinsam mit seinem früheren Studenten und Mitarbeiter, Kevin M. Murphy.

Becker wurde mit weit über 20 Ehrendoktoraten ausgezeichnet und war einer der wenigen, die mit der Presidential Medal of Freedom, dem höchsten zivilen Orden der USA, geehrt wurden. Sein enormes Werk entstand aus einer scharfen analytischen Beobachtung des Menschen in dessen täglichem Umfeld. Die innere Kohärenz und systematische Entwicklung seines Oevres, seine ehrliche Wissenschaftlichkeit und sein akademischer Einfluss, nicht zuletzt aber auch seine Bescheidenheit und sprichwörtliche Hilfsbereitschaft sind Legion.

*Kurt R. Leube ist Professor Emeritus und Research Fellow an der Hoover Institution, Stanford University (USA) und Academic Director der ECAEF (European Center of Austrian Economics Foundation) mit Sitz in Vaduz (FL).