Kleinheit als Last oder Lust

Dinner-Ansprache auf der XI. Gottfried-von-Haberler-Konferenz von Peter A. Fischer

Ich bin gebeten worden, Ihnen zur Einstimmung auf die XI. Gottfried-von-Haberler-Konferenz meine Gedanken zum Thema “Kleinheit als Lust oder Last” vorzutragen. Diese Anfrage habe ich mit Freude angenommen. Denn gerade in wirtschaftlich so turbulenten Zeiten wie den gegenwärtigen scheint mir die Initiative von Prinz Michael, S.D. Prinz Philipp und Kurt Leube besonders notwendig und wichtig, die ECAEF im Fürstentum zu gründen und Ideen, die die Freiheit fördern, zu unterstützen. Konferenzen wie die unsrige bieten den dringend benötigten Raum, um brennende Fragen jenseits des tageshektischen Mainstreams aus einer liberalen Optik heraus zu diskutieren. Da mache ich natürlich gerne mit. Bedeutet Kleinheit nun “proudly small”, stolz klein und erfolgreich sein zu, wie es das Motto des letzten St.-Gallen-Symposiums eben erst suggerierte? Oder heisst das eher, “im Würgegriff grosser Staaten” zu schmoren, wie wir es morgen diskutieren werden? Kleinsein ist immer relativ. Ich fühle mich gross und sehr geehrt, als Schweizer hier im schönen Fürstentum Liechtenstein diese Tischrede halten zu dürfen, geeint im Bewusstsein der Erfahrung kleiner Länder.

Erlauben Sie mir zuerst eine persönliche Reminiszenz. Als kleiner Schuljunge war ich früh relativ hochgewachsen. Aus rein körperlichen Gründen konnte ich etwas weiter springen als die meisten meiner Klassenkollegen, und ich war auch etwas stärker. Allerdings fand ich es im Allgemeinen spannender, Bücher zu lesen als meine Kräfte in Jungenkämpfen auf dem Pausenhof zu messen. Einer der körperlich am kleinsten Gewachsenen schien dies als herausfordernde Arroganz zu empfinden. Er wollte sich dauernd gegen mich beweisen und versuchte, Kollegen gegen mich aufzubringen, um mich gemeinsam in Bedrängnis zu bringen. Ich konnte das nicht verstehen, hatte ich ihm doch gar nichts angetan. Seit diesen jungen Jahren habe ich das Gefühl, dass Grösse und Kleinheit beide auf ihre Art Last und Lust sein können. Durch meine natürliche Ausstattung hatte ich es in meiner Kindheit in manchem etwas einfacher, während der kleine Schulkamerad offensichtlich darunter litt, körperlich vielen Klassenkollegen unterlegen zu sein. Dafür spornte ihn das zu aussergewöhnlichen Leistungen an. Er war ehrgeiziger, flinker und findiger als viele von uns, weil es für ihn nicht selbstverständlich war, sich durchsetzen zu können. Vielleicht sind die Parallelen etwas weit hergeholt.

Aber wenn wir Staaten betrachten, so fällt doch auf, dass es für kleine Länder überdurchschnittlich oft eine Lust zu sein scheint, klein zu sein. Laut den Daten der Weltbank zu Wohlstand und Wirtschaftsleistung pro Kopf waren kaufkraftbereinigt 2012 die folgenden zwanzig Staaten die wohlhabendsten der Welt: An erster Stelle stand Katar, gefolgt von Macao, Luxemburg, Kuwait, Singapur, Brunei, Norwegen, den arabischen Emiraten, der Schweiz an neunter Stelle, vor Bermuda, Saudiarabien, den USA, Hongkong, den Niederlanden, Irland, Oman, Österreich, Schweden, Deutschland und Dänemark. Bekanntermassen sind Erdöl und Erdgas für viele grössere Staaten eher ein Fluch als ein Segen, aber einige wenige scheinen fähig zu sein, diesen in breiter gestreuten Wohlstand umzumünzen – und das sind überdurchschnittlich oft kleine Staaten. Ganz generell zeigen die Daten, dass zehn der zehn reichsten und sechzehn der zwanzig wohlhabendsten Staaten kleine Länder mit weniger als zehn Millionen Einwohner sind.

Das heisst natürlich zum Glück nicht, dass Grosse keinen Erfolg haben können: die USA und das auch nicht gerade kleine Deutschland gehören in praktisch allen Ranglisten zu den zwanzig reichsten Volkswirtschaften. Natürlich ist Kleinheit per se auch kein Erfolgsgarant. Unter den ärmsten zehn Länder finden sich gemessen am kaufkraftbereinigten BIP pro Kopf vier kleine, aber 6 von 10 zählen mehr als 10 Millionen Einwohner. Typisch ist in den statistischen Daten leider auch die Arroganz der grossen Multilateralen: Vom kleinen aber feinen Liechtenstein gibt es nur Angaben zur Bevölkerung, jedoch keine vergleichbaren zur Wirtschaftsleistung. Dabei würde ein Einbezug des Fürstentums bestimmt die Dominanz von prosperierenden Kleinstaaten in der Spitzengruppe weiter verstärken. Von der Lust der Kleinheit Dabei ist es keineswegs selbstverständlich, dass kleine Länder so überdurchschnittlich erfolgreich sind.

Ökonomisch gesehen müssten grössere Staaten eigentlich besser dastehen, weil sie Skalenerträge ausschöpfen können, während kleinere von geringeren Koordinationskosten dank grösserer Nähe profitieren sollten. In einer freien Marktwirtschaft ist allerdings die Wirtschaft unabhängig von der Grösse der Staaten zum Glück recht dezentral organisiert. Wahrscheinlich deshalb sieht man von Skalenerträgen in den Makro-Daten wenig. Pro Kopf der Bevölkerung scheinen grosse Staaten zwar etwas weniger für allgemeinen Verwaltungsaufwand auszugeben. Aber dafür verfallen grössere Länder im Durchschnitt stärker der schädlichen Tendenz, mehr Aufgaben der öffentlichen Hand zuschieben zu wollen. Grössere Länder haben im Schnitt höhere Staatsquoten, und sie sind eher überschuldet.

Wo die verteilten Wohltaten von weit weg kommen, scheint die Versuchung erst recht gross, grosszügige soziale Auffangnetze zu spannen, anstatt, wie es der Singapurer Finanzminister kürzlich treffend formulierte: Trampoline. Trampoline im Sinne von sozialer Unterstützung, die es Gefallenen erleichtert, wieder aufzustehen, aber bei der diese dann schon selber wieder springen müssen. Laut den Daten der Weltbank figurieren bei den entwickelten Ländern unter den zehn am wenigsten verschuldeten Staaten nur gerade drei mit mehr als zehn Millionen Einwohnern.

Top-Performer ist das kleine Estland. Auf einen meines Erachtens ganz entscheidenden Vorteil der Kleinheit hat schon Gottfried von Haberler immer wieder hingewiesen, nämlich den positiven Einfluss internationalen Handels auf die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes. Kleinere Länder haben natürlicherweise keinen grossen Heimmarkt, den sie abschotten können, damit sich einheimische Firmen darauf konzentrieren. In der Regel ist deshalb ein grösserer Teil ihrer Wirtschaft wettbewerbsorientiert und damit produktiver als der Binnensektor.

Eine Untersuchung des Credit Suisse Research Institutes mit dem Titel “The Success of Small Countries and Markets” kam kürzlich zum Schluss, dass die Lust des Kleinseins darüber hinaus vor allem in deren überdurchschnittlich verlässlichen Institutionen und der Qualität der Ausbildung wurzelt. Das bestätigt auch der neueste Global Development Index des World Economic Forums. Dort haben nur gerade drei der zehn Länder, die beim Subindex der Ausbildungsqualität am besten abschneiden, mehr als 10 Millionen Einwohner. Meiner Ansicht das wohl zentralste Erfolgsgeheimnis prosperierender kleiner Staaten ist deren quasi erzwungene Subsidiarität. Entscheidungen und Verantwortung fallen in kleineren Ländern viel eher und schneller zusammen. Die Chance ist grösser, dass es rechtzeitig gelingt, Zusammenzusitzen und nach einer adäquaten, pragmatischen Lösung zu suchen. Staat und Bürger sind einander näher. In kleinen Ländern entspricht der Staat eher der Vision, die Fürst Hans-Adam II. von Liechtenstein in seinem Buch so eindrücklich dargelegt hat und bei der der Staat zum Dienstleistungsunternehmen wird, das dem Bürger dient.

Das ist keineswegs selbstverständlich, gibt es doch immer noch viel zu viele Länder, in denen der Staat eher einer bürokratischen Eliteorganisation gleichkommt, welche den normalen Bürger unter dem scheinheiligen Vorwand “höherer Ziele” ausnimmt. Um das zu erleben, muss man nicht einmal nach Moskau oder Peking übersiedeln, wie ich es vor einigen Jahren getan habe. Meine Erfahrungen haben mich in der Überzeugung bestärkt, dass der offene Wettbewerb der Meinungen und Ideen in einer direkte Demokratie, das Recht auf “voice” und “exit” entscheidend sind für eine innovative Wohlstandsgesellschaft – entscheidend auch, um den Staat im Zaun zu halten. Kleinheit begünstigt die Chance, dass voice gehört wird und die Talentiertesten nicht mit den Füssen abstimmen und das Weite suchen.

Sie sehen, ich bin ein grosser Anhänger des Kleinen. Allerdings wäre es allzu naiv, nur das hohe Lied der Lust am Kleinen zu singen. Kleinheit als Last Es gibt ganz offensichtlich auch die Last der Kleinheit. Wenn sie bloss darin bestünde, für klein und niedlich befunden und deshalb nicht ganz ernst genommen zu werden (wie etwa die Schweiz in Deutschland), so liesse sich damit ganz gut leben. Doch erstens sind kleine offene Volkswirtschaften den Launen der Grossen und auch der Weltwirtschaft besonders ausgesetzt, wie es sich gerade seit der Finanzkrise wieder zeigt.

Wenn sich beispielsweise die internationalen Kapitalflüsse wegen realwirtschaftlicher Schocks oder geldpolitischer Kursänderungen stärker verändern, so tritt in kleinen Ländern und deren Finanzplätzen oft ein, was einer meiner Vorgänger als “Mokkatasseneffekt” bezeichnete. Unter flexiblen Wechselkursen bewirken solche Schocks schnell überschiessende Kursreaktionen. Liechtenstein und die Schweiz erfahren das gegenwärtig wieder schmerzhaft anhand der Frankenstärke, welche der Realwirtschaft ein ungewöhnlich hohes Mass an Flexibilität und Anpassungsfähigkeit abverlangt.

Dennoch halte ich es bisher eindeutig für einen Vorteil, eine eigenständige, stabilitätsorientierte Währung zu haben. Das gilt natürlich ganz besonders für Länder wie Liechtenstein und die Schweiz, wo der Finanzsektor einen wichtigen Teil der Wirtschaft ausmacht, auch wenn der nun auch unter dem starken Franken leidet. Aber die geldpolitischen Spillover-Effekte und damit die Verletzlichkeit haben in Zeiten immer unkonventionellerer Geldpolitik zugenommen. Zweitens hat der Streit um das Bankgeheimnis und um womöglich nicht ganz steuerkonforme Vermögen drastisch illustriert, wo die grösste Last der Kleinheit liegt. Der kleine Staat ist in einem Kräftemessen mit den Grossen ziemlich schnell recht wehrlos. Gross ist für den Grossen die Versuchung, an einem kleinen Staat (oder einem kleinen Finanzinstitut) ein politisch vermeintlich billiges Exempel zu setzen. Und wo öffentliche Kassen leer sind, werden hehre Prinzipien der Gleichbehandlung und des Rechtsstaats oft in Windeseile von reiner Machtpolitik verdrängt.

Damit die ungleichen Kräfteverhältnisse nicht zu sehr zur Last werden, sollte sich der Kleinstaat meines Erachtens erst recht bewusst sein, dass de jure und de facto Souveränität zwei unterschiedliche paar Schuhe sind. Stillschweigender automatischer oder schneller autonomer Nachvollzug mögen manchmal das kleinere Übel sein. Doch sie schränken die De-facto-Souveränität auch schmerzhaft ein. Um nicht im Würgegriff der Grossen nach Luft schnappen zu müssen, sollten kleine Länder ihre Interessen deshalb erst recht vorausschauend vertreten und frühzeitig Allianzen für ihre Anliegen schmieden.

Gerade in der Aufarbeitung der Finanzkrise hat sich aber wieder gezeigt, wie schwer dies in einer sehr direkten, auf Stabilität bedachten Demokratie wie der Schweiz ist. Da muss Veränderungen immer sehr viel Aufklärungsarbeit und Konsenssuche vorangehen. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass es dem Fürstentum Liechtenstein etwas friktionsloser als der Schweiz gelungen ist, sich auf den fundamentalen Wandel im internationalen Finanz- und Steuerwesen einzustellen. Gerät der Kleine erst in den Würgegriff der Grosse, sollte er eben besonders flink und findig sein, um sich diesem wieder zu entwinden. Klein im Grossen – gross im Kleinen Ich habe Ihnen bisher einige Gedanken zu Lust und Last der Kleinheit vorgetragen.

Doch wie steht es um das sich verändernde Verhältnis von Gross und Klein? Bei Unternehmen ist zu beobachten, dass wichtige Innovationen oft eher bei kleinen Startup-Unternehmen stattfinden als bei grossen Konzernen. Kleine Unternehmen bieten eine dynamischere, flexiblere Atmosphäre und gehen eher Risiken ein; öfters geht es bei Ihnen um alles oder nichts. Grosse Konzerne bieten dafür mehr Stabilität und Sicherheit und haben andere finanzielle Möglichkeiten als kleine. Erfolgreich scheinen die grossen Konzerne in ihren Forschungsabteilungen und Profitzentren aber am ehesten zu sein, wenn sie Bedingungen wie bei Kleinen schaffen. Kaum ein Unternehmen wirbt damit, gross und mächtig zu sein, klein im Grossen lautet vielmehr die Devise.

Klein im Grossen, das dürfte auch für Staaten kein schlechtes Rezept sein. Die USA sind ein sehr föderalistisch organisierter Bundesstaat und China wächst schnell, seit Reformen für einen intensiven Wettbewerb zwischen den Gebietskörperschaften und Sonderzonen sorgen. Die Europäische Union hat besser funktioniert, als noch die Schaffung eines Gemeinsamen Binnenmarkts im Vordergrund stand und Freiheit und Verantwortung im Kleinen einen höheren Stellenwert besassen. Dennoch möchte ich nicht nur das Hohelied der Kleinheit singen. Ich glaube nämlich auch, dass zu deren Lust zunehmend etwas mehr Grösse im Kleinen gehören sollte. Die Globalisierung hinterlässt Spuren und das ist auch gut so.

Vor diesem Hintergrund halte ich eine undifferenzierte Verherrlichung des nationalen Alleingangs für wenig zukunftsweisend. Ökonomische Integration braucht ein gewisses Mass an grenzüberschreitender Kooperation und übereinstimmender Regeln. Und Freiheit muss geschützt werden. Der liberale Vordenker Friedrich August von Hayek war bekanntlich ein Freund des Kleinen. In seinem Buch “der Weg zur Knechtschaft” schrieb er “Wir alle werden dabei gewinnen, wenn wir imstande sind, eine Welt aufzubauen, in der die kleinen Staaten atmen können.” Aber Hayek plädierte auch energisch für ein Dach über dem Nationalstaat. Er schrieb: “Wir brauchen eine internationale Instanz, die zwar nicht die Macht hat, den Völkern zu befehlen, was sie tun sollen, aber imstande sein muss, sie von Handlungen abzuhalten, die anderen schaden”.

Hayeks Aufruf hatte wohl nicht das im Sinn, was heute die EU lähmt. Hayek warnte eindringlich davor, dass zentralistisches ökonomisches Planen schnell auf eine schiefe Bahn führt. Aber er wusste auch, dass der Kleine und dessen Interessen davor geschützt werden müssen, tyrannisiert zu werden. Das zunehmend herausfordernd aggressive Verhalten von Putins Russland hat vielen die Augen geöffnet, dass Freiheit und Unabhängigkeit ohne militärische Sicherheit gerade für kleinere Staaten nicht selbstverständlich sind. Freiheit braucht Schutz. Wirtschaftspolitisch ist die EU derweil herausgefordert, weil sie sich in einer fehlkonstruierten Währungsunion politisch festgefahren hat. Als Reaktion darauf melden sich grundsätzlich integrationskritische Bewegungen zunehmend lauter zu Wort. Die schärfsten Europakritiker, ob bei UKip, Front National, AfD oder Pandemos in Spanien, sind dabei leider oft weniger liberal als nationalistisch-protektionistisch gesinnt. Die beiden Einsichten, dass Freiheit Schutz benötigt und kompromisslose Nationalisten oft nicht liberal gesinnt sind, böten vielleicht Anlass, sich auf eine neue Grösse im Kleinen zu besinnen. Für die EU könnte der drohende Brexit zum überfälligen Reformdruck werden, damit sich Europa wieder offener und effizienter auf seine tatsächlichen Stärken besinnt und Zusammenarbeit in Freiheit und Eigenverantwortung vor Zentralismus und Haftungs-Vergemeinschaftung stellt. Wirtschaftlich gefragt ist echter Wettbewerb in einem Gemeinsamen Markt, der zwar gemeinsame Spielregel setzt, aber nicht würgt, sondern offen ist und unterschiedliche Integrations- und Assoziationsstufen zulässt.

Gleichzeitig denke ich aber, braucht Europa in Fragen der Sicherheit und wohl auch der Aussenpolitik mehr Mut zur Grösse. Es gilt, erfolgreich Kleinheit im Grossen und Grösse im Kleinen wertzuschätzen. Dabei könnte mittel- bis längerfristig das nationale gegenüber dem lokal-regionalen wie auch dem multilateralen etwas an Bedeutung verlieren. Der überregionalen liechtensteinisch-schweizerisch-österreichischen Zusammenarbeit könnte da durchaus ein gewisser Modellcharakter zukommen.

Sehr geehrte Damen und Herren, den klein gewachsenen Schulkollegen von damals habe ich leider aus den Augen verloren. Aber ich denke, es ist sicher kein Nachteil, klein zu sein. Etwas mehr liberales Verständnis und Respekt würden Klein und Gross allerdings guttun – damals wie heute. Ich danke Ihnen.